Gesetze der Form

Wenn man sich mit (soziologischer) Systemtheorie nach Luhmann beschäftigt, kommt früher oder später die Auseinandersetzung mit den Laws of Form. Zu dieser faszinierenden Idee von George Spencer Brown versuche ich heute etwas zu schreiben.

Dieses Formkalkül kann für die Erkenntnistheorie verwendet werden, um den Vorgang des Erkennens beziehungsweise der Konstruktion von "Welt" oder "Realität" zu beschreiben. Dies passiert durch die schlichte – aber folgenreiche – Anweisung: Draw a distinction! Mit dieser Unterscheidung wird in die unbeobachtbare Welt ein Schnitt (die Unterscheidung) gesetzt, indem etwas bezeichnet und gleichzeitig von anderem unterschieden wird, z.B. "Hund" und nicht "Katze" oder "wahr" und nicht "unwahr". Die Gleichzeitigkeit dieser Operation des Unterscheidens und Bezeichnens verdeutlicht, dass man selbst nicht sehen kann, was man nicht sieht, und die Welt genau deshalb als "gegeben" wahrnimmt, dass sie also so ist, wie sie ist.

Hier kommt die Kybernetik 2. Ordnung ins Spiel. Ein Beobachter, der eine Unterscheidung anwendet, kann sich immer nur auf der Seite der Bezeichnung befinden. Er kann nicht im gleichen Moment wahr und unwahr bezeichnen, Hund oder Katze sagen, nicht einmal a und b (und wenn ich "ab" sage, sage ich immer noch zuerst a, dann b). Somit kann der Beobachter (erster Ordnung) niemals die Einheit seiner Unterscheidung sehen. Dies kann allerdings der Beobachter zweiter Ordnung, da er den Beobachter auf seine Unterscheidung hin beobachten kann.

Genau genommen müsste dies noch seitenweise und detailliert ausgeführt werden, aber ich komme jetzt zur so genannten Quintessenz:

  • Jede Wahrnehmung und Beobachtung kommt nur zustande, wenn unterschieden und bezeichnet wird.
  • Jeder Beobachter erzeugt damit seine eigene Realität der Welt.
  • Die Frage ist also nicht mehr, was ist das Wesen einer Sache, sondern: wie wird das, was als Realität zustande kommt, beobachtet? Mit Hilfe welcher Unterscheidungen arbeitet ein Beobachter? Und diese Frage kann der Beobachter zweiter Ordnung beantworten.
  • Realitäten sind nach dieser Auffassung soziale Konstruktionen, denen nichts Objektives, nichts Wesenhaftes zugrunde liegt.

Weshalb schreib ich nun das ganze? Hm… weiß ich auch nicht genau. Vielleicht beziehe ich mich irgendwann mal wieder auf dieses Posting in späteren Beiträgen.

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17 Kommentare zu „Gesetze der Form

  1. das „nein“ in dem kommentar machte erst den anschein, als ob ich hier etwas objektive wahrheit finden würde. doch dann gibt es hier den beweis dieser schnapsidee. was es auch mal viel öfter geben sollte. also beweise von schnapsideen. man verfolgt diese schließlich viel zu wenig.

  2. das «nein» in dem kommentar machte erst den anschein, als ob ich hier etwas objektive wahrheit finden würde.
    Stimmt, mir kam meine Antwort auch etwas zweideutig vor, aber der Link verdeutlichte ja das, was ich mit dem „nein“ meinte…

  3. Wie ich ihn verstehe, kommt GSB per Analogie zu seiner Philosophie : Etwas zu markieren, bedeutet seine Aufmerksamkeit, sein Bewusstsein darauf zu richten. Daher ist jeder, der Bewusstsein hat, also sind wir alle, Markierungen unserer Aussenwelt. Da nach ( ) ( ) = ( ) mehrere Markierungen einer einzigen Äquivalent sind, sind wir alle nur Ausprägungen desselben Bewusstseins oder so ähnlich. Ich weiss nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Das ist aber nur eine Analogie und beweist nichts. Überhaut funktioniert sie nur, wenn man Menschen auf Markierungen reduziert, als wäre das schon alles, was einen Menschen ausmacht. Ich glaube daher nicht, dass die Gesetze der Form einen grossen Wert für die Erkenntnistheorie haben. Ausserdem ist das Kalkül als solches von solcherlei Interpretation natürlich völlig unabhängig.

  4. Etwas zu markieren, bedeutet seine Aufmerksamkeit, sein Bewusstsein darauf zu richten.

    Der Beobachterbegriff, den ich hier verwendet habe, ist leider etwas verkürzt dargestellt. In der Systemtheorie (nach Luhmann) „ist“ der Beobachter etwas Abstraktes, nämlich ein System, und kein Mensch oder Lebewesen.

    Systeme unterscheiden und bezeichnen durch die Autopoiesis, also durch ihr ständiges Operieren. Somit kann sowohl ein soziales aber auch ein psychisches System beobachten – nicht aber der Mensch.

    Der Gewinn durch die Laws of Forms für die Erkenntnistheorie besteht vielleicht darin, dass die Welt nicht mehr so aufgefasst werden kann, wie sie ist, sondern immer vom Beobachter abhängt: Wer sagt das? Wer bezeichnet? (Referenz auf Kommunikation oder Bewusstsein). Meiner Meinung nach geht dieser Ansatz von GSB sogar über den radikalen Konstruktivismus hinaus, und das wäre eben durchaus noch etwas Neues.

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