„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile“ sagt man oft, und bringt das Holismusprinzip damit auf eine Kurzformel. Aus dieser Formel leiten sich dann auch viele so genannte „systemische“ (Beratungs-)Ansätze ab, wie z.B. in der Familientherapie oder Organisationsberatung etc. Nun möchte ich dieses Verständnis von „Systemtheorie“ mal mit neueren Erkenntnissen der sozioligischen Systemtheorie hinterfragen und prüfen, ob man auch anders „systemisch“ denken kann.

Das Denken in Ganzheiten und Teilen berücksichtigt nur System-zu-System-Beziehungen, wenn z.B. das soziale Umfeld einer Person oder das Mit- und Gegeneinander von Mitarbeitern einer Organisation betrachtet wird. Doch damit werden nur Weltausschnitte erfasst, während die Einheit des Gesamtsystems nur mit Hilfe einer System-Umwelt-Unterscheidung fassbar ist.

In dem vor kurzem verfassten Beitrag wurde anhand der Laws of Form erklärt, wie Realität durch Beobachtung zustande kommt, dass eine Unterscheidung immer die Außenseite (Umwelt) mitführen muss, um die Einheit einer Form zu ermöglichen. Genau diese Außenseite wird bei der Unterscheidung von Ganzen und Teilen vernachlässigt, da nur innersystemische Zustände und Relationen betrachtet werden können. Und durch diese verkürzte Sichtweise ist es nicht möglich, „Welt“ in Form von einer Beobachtung zweiter Ordnung zu rekonstruieren.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass

  • das Ganze, wenn es denn mehr als Summe seiner Teile sein soll, ein undefiniertes Surplus erhält
  • die Einheit des Ganzen nicht gedacht werden kann in dem Sinne, dass es aus der begrenzten, ausschnitthaften Weltsicht entkommt
  • weil in dieser alten Denktradition nur System-zu-System-Beziehungen beobachtet werden können.

Die neuere Systemtheorie geht den radikalen Gegenweg, indem nicht holistisch, sondern differenztheoretisch gedacht wird. Die grundlegende Unterscheidung zwischen Ganzem und Teilen wird durch die Unterscheidung von System und Umwelt ersetzt.

So, und nun eröffne ich die Diskussion meiner Überlegungen für die, die gerne etwas dazu sagen möchten – was auch immer.

Für Interessierte möchte ich als Lektüre zu diesem Thema gerne diese beiden Bücher empfehlen…