Jenseits des Kanals

Bekanntermaßen habe ich ja einen Bildungsauftrag, und diesen möchte ich heute mit einem Beitrag zum Thema „Autopoiesis“ fortsetzen.

Autopoiesis bezeichnet den Vorgang der Selbst(re-)produktion eines Systems, das alle elementaren Einheiten, aus denen es besteht, durch ein Netzwerk eben dieser Elemente reproduziert und sich dadurch von seiner Umwelt abgrenzt. Systeme sind nach dieser Auffassung nicht offen, haben also keinen Zugriff auf ihre Umwelt, sondern sind vielmehr operativ geschlossen. Das heißt, es gibt keine Grenzüberschreitung, kein direktes Einwirken der Umwelt in das System. Wenn die Umwelt aber außen vor bleibt, wie kann ein System dann überhaupt wahrnehmen, unterscheiden, lernen?

Die Antwort: Eben, weil es keinen Durchgriff auf die Umwelt gibt, weil es geschlossen ist. Denn nur dadurch ist es dem System möglich, eigene Operationen von denen der Umwelt zu unterscheiden. Durch den Vorgang der Autopoiese rekonstruiert das System laufend die Grenze zwischen System und Umwelt und „verliert“ sich nicht in der Umwelt.

Hier wird deutlich, dass die Unterscheidung System/Umwelt kompatibel zum Spencer Brown’schen Formbegriff ist. Und genau hier liegt dann auch die Erklärung, wie Umweltzustände vom System „registriert“ werden können (ich lasse den Begriff der strukturellen Kopplung mal außen vor): Durch einen so genannten re-entry kann das System die Unterscheidung von System (Selbstferenz) und Umwelt (Fremdreferenz) in sich selbst hineinkopieren, wobei die Fremdreferenz eben dadurch „identifiziert“ wird, dass es sich um nicht-eigene Operationen handelt – und die Identifikation nicht-eigener Operationen ja, wie oben gesagt, nur durch operative Geschlossenheit möglich ist.

Was daraus folgt, ist: Information, Sozialisation, Erziehung usw. sind folglich nur Selbstinformation, Selbstsozialisation, Selbsterziehung etc., das heißt, Systeme sind nicht direkt steuerbar. Umso interessanter die Frage, wie soziale Ordnung möglich ist. Aber das kann ich hier und jetzt nicht erklären, dazu fehlt mir Platz und Zeit und…

Zusammenfassend kann also festgehalten werden:

  • Systeme werden in der neueren Systemtheorie nicht mehr als offen, sondern operativ geschlossen angesehen.
  • Nur durch die Geschlossenheit kann zwischen Selbst- und Fremdreferenz unterschieden werden.
  • Direkte oder gezielte Beeinflussung von Systembildung ist nicht möglich.

Luhmann bspw. verdeutlicht das Problem der Nichtbeeinflussbarkeit anhand von Kommunikation:

Die dritte Unwahrscheinlichkeit ist die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Mit kommunikativem »Erfolg« meine ich, daß der Empfänger den selektiven Inhalt der Kommunikation (die Information) als Prämisse des eigenen Verhaltens übernimmt, also an die Selektion weitere Selektionen anschließt und sie dadurch in ihrer Selektivität verstärkt. (2001, Aufsätze und Reden. Stuttgart: Reclam, S.79)

und sagt, die Evolution habe symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien entwickelt, um die Annahmewahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Das ganze endet hier etwas abrupt, aber ein eleganteres Ende kriege ich vorerst nicht hin. Das muss ich wohl auch noch üben…

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11 Kommentare zu „Jenseits des Kanals

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