Im Bereich der soziologischen Systemtheorie sind zwei Systeme von besonderer Relevanz: soziale und psychische Systeme. Oft wird in diesem Zusammenhang auch von Kommunikation und Bewusstsein gesprochen. Soziale Systeme sind nach Luhmann Kommunikationssysteme, da ihre grundlegende Operation eben Kommunikation ist, und sie sich im autopoietischen Vollzug durch Kommunikation reproduzieren. Und: soziale Systeme „bestehen“ auch aus nichts anderem als Kommunikation, das heißt, sie sind nichts Lebendiges, haben keine Körper, haben kein Gehirn, sind keine Handlung. Und wo bleibt da der Mensch?

Zuerst einmal muss die ungewöhnliche Einsicht formuliert werden, die sich aus systemtheoretischer Sicht ergibt: Nur die Kommunikation kann kommunizieren. Das Konzept der operativen Geschlossenheit (Autopoiesis) besagt, dass ein System sich immer nur über eine bestimmte Operation reproduziert, und für den Fall sozialer Systeme ist dies eben Kommunikation. Es gibt verschiedene Arten von Sozialsystemen: die Interaktion, die Organisation und die Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem. Man könnte, aber auch nur zum besseren Verständnis, diese Dreiteilung auch als Mikro-, Meso- und Makroebene bezeichnen.

Wenn nun Sozialsysteme, und damit auch Gesellschaft, nur aus Kommunikationen, nicht aber aus Menschen bestehen, folgt daraus, dass der „Mensch“ Umwelt und nicht Teil der Gesellschaft ist. Dies ist auf den ersten Blick insofern befremdlich, weil man annehmen möchte, man befindet sich doch in der Gesellschaft. Alltagssprachlich mag dies zutreffen, theoretisch gesehen lässt sich eine Gesellschaftstheorie jedoch wesentlich ästhetischer und plausibler Aufbauen, wenn der Mensch „draußen“ bleibt – wobei der Platz in der Umwelt kein schlechterer ist, als es sich vielleicht erst anhört.

Die relevante Umwelt der Kommunikation ist also der „Mensch“, ohne den Kommunikation nicht stattfinden könnte. Immerhin, so unwichtig scheint seine Umweltrolle also nicht zu sein. Aber auch hier muss genauer differenziert werden, denn das eigentlich wichtige System für die Kommunikation in der Umwelt ist das psychische System, also das Bewusstsein. Dieses, und nicht der menschliche Körper, seine Innereien oder seine Gliedmaßen, ist es, das Kommunikation irritiert, anregt und somit ausreichend „Treibstoff“ für die Autopoiesis von Sozialsystemen liefert – und vice versa. Das heißt: Kommunikation kommt nicht ohne Bewusstsein aus und Bewusstsein nicht ohne Kommunikation. Unter anderem spricht, soweit ich richtig erinnere, der hier bereits öfter erwähnte George Spencer Brown in diesem Zusammenhang von konditionierter Koproduktion.

Wieso aber kommuniziert der Mensch nicht, wenn er spricht?

Es sind ja nicht seine Gedanken, die Gegenstand der Kommunikation sind, denn diese können das Bewusstsein nicht verlassen. Kommunikation enthält allerhöchsten Themen, über die gesprochen werden. Ferner kommuniziert nur die Kommunikation, da nur sie entscheidet, woran angeschlossen wird, wie sie sich entwickelt, wann es weitergeht. Dies lässt sich theoretisch aus der Nicht-Steuerbarkeit autopoietischer Systeme ableiten, und praktisch (also: empirisch) kann dies auch oft genug festgestellt werden. Man denke hierbei an die vielen Situationen, in denen Missverständnisse entstehen und die Kommunikation ungeahnte Verläufe annimmt, die so weder geplant noch abzusehen waren.

Hinzu kommt, dass längst nicht alles, was die anwesenden „Bewusstseine“ einer Interaktion denken, aktuell oder potenziell zum Inhalt oder Thema der Kommunikation wird. Man stelle sich einmal vor, alles, was ein Arzt bei einer Visite denkt, würde auch gleichzeitig kommuniziert werden…

Kurz: Kommunikation lässt sich also nicht mehr mit dem alten Sender-Empfänger-Übertragungsmodell erklären, denn…

Die neuere Kommunikationstheorie sieht dies anders. In der Auseinandersetzung mit der sprachphilosophischen Kritik der Bewußtseinsphilosophie einerseits und mit der mathematischen Kommunikationstheorie andererseits verlagert sie das Interesse von den am Prozeß beteiligten Köpfen auf den Prozeß selbst.

(Dirk Baecker 1999: Organisation als System. Frankfurt: Suhrkamp: 53; Herv. von mir)