Die gesellschaftliche Konstruktion vom Alter(n)

Ein bekanntes Gesellschaftsbild im Hinblick auf alte Menschen geht von einer Marginalisierung, also einer Ausgrenzung alter Menschen aus. Das mag daran liegen, dass man zumeist gesellschaftskritisch „eine über ein Wertezentrum integrierte Berufs-, Leistungs- oder Arbeitsgesellschaft“ voraussetzt, in der diejenigen, die nicht arbeiten, am Rande der Gesellschaft stehen.

Diese Kopplung des Altersbegriffs an Werte wie „Arbeit“ oder „Leistung“ führt fast zwangsläufig dazu, „Alter“ nur noch mit kalendarischem Alter gleichzusetzen. Das Alter wird zur ontologischen Tatsache, die man überall dort in der Gesellschaft feststellen kann, wo sich pensionierte „Menschen“ ausfindig machen lassen. Diesem ontologischen Verständnis von Alter soll hier ein konstruktivistisches Konzept gegenübergestellt werden. Die Frage lautet dann nicht mehr, welchen Sinn brauchen „alte Menschen“, oder welche Aufgaben können sie noch wahrnehmen?, sonder vielmehr: Wie wird „Alter“ sozial konstruiert? Gibt es aufgrund sozialer Zuschreibungen ein beobachtbares Phänomen „Alter“?

Damit ein Phänomen sozial konstruiert werden kann, bedarf es zwei Voraussetzungen: erstens muss es beobachtet, anschließend muss das Beobachtete kommuniziert werden. Wenn nun von „Alter“ gesprochen wird, stellt sich die Frage nach dem Beobachtungsschema. Wann wird etwas/jemand sozial auf Alter zugerechnet?

Um das zu beobachten, braucht man eine Unterscheidung. Ein plausibles Beobachtungsschema, durch das Alter konstruiert wird, wäre die Unterscheidung von Noch-Nicht und Nicht-Mehr. Die Zurechnung auf ein Noch-Nicht führt die Idee von noch bevorstehenden Lebenschancen mit („noch nicht „alt“, also noch möglich“), während das Nicht-Mehr bestimmte Möglichkeiten ausschließt („zu „alt“, also nicht mehr möglich“). Das Schema Noch-Nicht/Nicht-Mehr ist eigentlich recht gewöhnlich und wird tagtäglich auf Personen zugerechnet. Deutlich wird die Benutzung dieses Beobachtungsschemas etwa im Profisport oder im Filmmetier. Rudi Völler zum Beispiel ist sicherlich zu alt, um mit den Weltbesten des Fußballs mitzuspielen (Nicht-Mehr), aber noch nicht zu alt, um sportliche Aktivitäten in seiner Freizeit auszuüben oder die Aufgabe des Nationaltrainers zu übernehmen (Noch-Nicht). Ein Sean Connery wäre wohl zu alt, um einen Jugendlichen darzustellen, während ein jugendlicher Kinderstar noch nicht alt genug ist, um eine erwachsene, ältere Figur zu spielen.

Auf „Alter“ wird dann sozial zugeschrieben, wenn Zurechnungen auf das Nicht-Mehr im Verhältnis zum Noch-Nicht deutlich überwiegen. Ein Übermaß an Nicht-Mehr, die Benennung dieser Seite der Form lässt es erahnen, verringert die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten auf Teilhabe am sozialen Noch-Nicht. Entscheidend dabei ist, dass gesellschaftlich geregelt wird, was sozial wünschenswert (Noch-Nicht) ist und was nicht. Somit verringern sich die Chancen für das Individuum, aus eigener Kraft am sozialen Noch-Nicht teilzunehmen (im Sinne der aktiven Einflussnahme auf Chancen und Möglichkeiten), bei gleichzeitig zunehmenden Einfluss der Gesellschaft, wer wann am Noch-Nicht teilhaben darf. Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von „hochdifferenzierten Kommunikationschancen“, von denen die Inklusion einer Person in bestimmte Funktionssysteme abhängig ist. Nur wenn die Möglichkeit zur Teilhabe an Kommunikation gegeben ist, bestehen Chancen auf Inklusion.

Das ist, kurz skizziert, die Ausgangslage für meine Fragestellung, die ich die nächste Zeit bearbeiten möchte. Es geht in etwa in die Richtung von Vergesellschaftung des Alter(n)s und die Frage danach, wie das Phänomen „Alter“ und verschiedene Alterssemantiken beschrieben werden können…

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8 Kommentare zu „Die gesellschaftliche Konstruktion vom Alter(n)

  1. Das noch-nicht-nicht-mehr-Konzept wäre vielleicht ein guter Ansatz. Doch ich denke, das ist zu allgemein und zu abstrakt. Du hast zu Recht erkannt, dass unsere Gesellschaft arbeitsbestimmt ist. Ich gehe soweit zu behaupten, die Arbeit (etwas sozialkritischer der Arbeitskraftnutzen) ist das bestimmende Element in unsere Gesellschaft.

    Das bedeutet für mich, das Altern wird enger definiert werden müssen. Alt ist man, wenn man physisch gealtert ist mit einem Mindestmaß an körperlich-geistiger Gebrechlichkeit. Gesellschaftspolitisch ist man alt, wenn man nicht mehr leistungsfähig ist. Bei letzterem handelt es sich um ein ausgesprochenes Tabu. Die Sozialpolitik ist darauf ausgerichtet, Langlebigkeit bei gesundheitlich Schwachen zu vermeiden. Dies gilt im Kern für Diejenigen, die finanziell schwach sind (z. B. H-IV-Empfänger). Und das ist ein verschleierter Skandal.

    Das noch-nicht-nicht-mehr-Konzept ist politisch betrachtet „Neu-Sprech“, intellektuelles Ablenkungsmanöver. Damit machst Du Dich mitschuldig, zumindest intellektuell.

    Jegliche Forschung diesbezüglich wäre Alibiforschung – gesellschaftspolitisch betrachtet, sollte sie denn tatsächlich stattfinden.

    Manchmal ist der Übergang vom Fachidiot zum Vollidioten fließend.

    Gruß
    Bernhard

  2. Der Versuch geht ja in die Richtung, mit Hilfe der Systemtheorie (die meiner Argumentation als Theorieprogramm hier zugrunde liegt) erst mal die Situation in einer möglichst distanzierten, normativ-freien Weise zu beschreiben – um dann zu prüfen, ob man das ganze nicht auch anders sehen kann, sich also auf die Suche nach funktionalen Äquivalenten begibt. Es ist ja die Frage, warum werden „alte“ Menschen so gesehen, wie sie gesehen werden? Wer sieht sie so? Und wozu?

    Es ist also vorerst der Versuch, die „Ist-Situation“ genauer zu analysieren, um dann ggf. zu prüfen, wie es auch anders – besser – möglich ist. Es geht hier nicht darum, zu sagen: So isses und so muss es sein!

  3. Diese Unterscheidung (nicht mehr – noch nicht) hat Peter Fuchs in seiner taz-Reihe eingeführt. Ich habe damit Probleme, weil das keine wirkliche binäre Unterscheidung ist. Deshalb gefällt mir auf den ersten Blick diese mathematische Hilfe: „Übermaß an nicht mehr“
    Bei weiterer Überlegung über den Prozess des Beobachtens, und darum geht es ja, finde ich, dass ein solcher mengenvergleichender Schritt in der direkten Beobachtung keinen Platz hat.
    Mir fällt allerdings (noch) nichts besseres ein. Übrigens beschäftige ich mich mit der Konstruktion von Alter/Altern/Altem unter den Bedingungen des „noch nie“ in Bezug auf Leistungsrollen: schwerst behinderte Menschen.

  4. Diese Unterscheidung (nicht mehr – noch nicht) hat Peter Fuchs in seiner taz-Reihe eingeführt.
    Der Eintrag stammt noch aus der Anfangszeit, als ich in lockerer Weise meist ohne Quellverweise gearbeitet habe. Aber stimmt, es stammt aus einem taz-Artikel, wobei ich mich hier auf einen Vortrag von Peter Fuchs 2003 am ISS bezogen habe, der auch vom Thema Alter handelte. Ich habe an diesem Thema allerdings nicht mehr intensiv weiter gearbeitet, sodass ich auch keine Ideen habe, in welche „Unterscheidungs“-Richtung man weiterdenken könnte.

  5. Nein, meines Wissens gibt es den Vortrag nicht in publizierter Form. Vortragsreferenz: Fuchs, Peter (2003): Das Alter – ontologische Tatsache oder soziales Artefakt? Vortrag am Institut für systemische Studien e.V. (ISS) in Hamburg am 08.09.2003.

    Aber der Vortrag bezog sich auf die taz-Reihe, auf den Artikel „Wer hat wozu und wieso überhaupt Gefühle?“ in: Soziale Systeme 10, H.1., 2004, S.89-110, und ich glaube ein bisschen „Eigen-Sinn des Bewusstseins“.

  6. Danke Daniel,
    Empfehlung zur Theorie der Beobachtung, z. B. ob und wie Organisationen, Personen beobachten (Gesellschaft nicht !): der aktuelle Fuchs-Aufsatz unter sozialarbeit.ch. Mir ist da manches klarer geworden.

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