Künstliche Intelligenz

Das Thema Computer und Gesellschaft scheint mir recht spannend. Eine damit fast zwangsläufig verknüpfte Frage ist die nach der „Bedrohung“ durch Computer, inwiefern sie also menschliches Bewusstsein erlangen oder gar überbieten können. Während Kybernetiker offenbar bereits Mitte des 20. Jahrhunderts davon ausgingen, dass mit Hilfe von Computern ohne weiteres das menschliche Bewusstsein abzubilden sei, versuchten andere Wissenschafter die Stellung des Subjekts zu stärken und somit den Computer als Konkurrenz zum Menschen zu entkräften.

Doch kann das menschliche Bewusstsein überhaupt gegen den Computer gewinnen? Und: Muss es das überhaupt?

Luhmann sieht es durchaus im Bereich des Möglichen, dass Computer menschliche Bewusstseinsleistungen abbilden und auch übertreffen können. Aber das hat ihn wenig beunruhigt. Er sah darin keine Abwertung des Menschen oder menschlicher Leistungsfähigkeit. Denn die eigentliche Leistung der der Menschheit liegt in der Sozialität, der Entwicklung von Gesellschaft und damit in der Kommunikation. Und hier liegt der Vorteil von sozialen Systemen und Menschen, die der Computer nicht hat:

Kommunikation entsteht ja nur unter der Voraussetzung wechselseitiger Intransparenz, die auch Intransparenz der Systeme für sich selber einschließt. (…) Die operative und strukturelle Eigenart dessen, was in der bisherigen Geschichte von »Menschen« aufgebaut worden ist, dürfte für Computer deshalb eher in der Eigenart sozialer und nicht in der Eigenart psychischer Systeme liegen. (Luhmann (2000): Organisation und Entscheidung, 377)

Denn selbst wenn Computer denken und wahrnehmen können, können sie nicht kommunizieren. Dazu gehört nämlich mehr als nur der Austausch von Signalen, und zwar der Umgang mit Nichtwissen. In der Kommunikation wird Wissen als Form behandelt, also als Differenz von Wissen und Nichtwissen. Computer müssten demnach wissen können, was andere (Computer) nicht wissen. Die eigentliche Leistung der Kommunikation liegt nicht in der Übertragung von Informationen oder Daten, wie es Computer noch könnten, sondern im Umgang mit Unsicherheiten und Nichtwissen. Nur dadurch entsteht der Bedarf an Kommunikation und nur dadurch entsteht soziale Ordnung und Gesellschaft.

Ein Computer kann somit zwar die Autopoiesis eines Bewusstseins, aber nicht die einer Kommunikation abbilden.

Referenzen: Luhmann (1999): Gesellschaft der Gesellschaft; Luhmann (2000): Organisation und Entscheidung; Baecker (2001): Niklas Luhmann in der Gesellschaft der Computer, Merkur 55 Heft 7 (auch auf englisch unter http://homepage.mac.com/baecker/)

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14 Kommentare zu „Künstliche Intelligenz

  1. versteh ich nicht ganz.
    warum sollte ein computer nicht wissen können was sein computer nebenan nicht als wissen gespeichert hat? dazu müssten sie doch eigentlich nur ihr wissen vergleichen und abgleichen… das wäre dann doch eine form von kommunikation?!

    oder nicht?

  2. Der Clou an der Sache ist die wechselseitige Intransparenz, die im Falle eines Abgleichs ja nicht gegeben ist. Und erst diese Intransparenz, dass man nicht weiß, was der andere weiß und nicht weiß, und was der andere denkt etc., ist die Besonderheit von sozialen Systemen, die sie (die Kommunikation) erst so produktiv werden lassen, und vor allem: die Kommunikation notwendig machen, um überhaupt etwas wie soziale Ordnung aufzubauen. Ohne diese Unsicherheit gäbe es kein Anlass zu kommunizieren, und ohne diesen Anlass gäbe es keine gesellschaftliche Strukturentwicklung, wenn ich das alles richtig verstanden habe.
    Datenabgleich wäre ja auch nichts anderes als „Informations“übertragung, stellt aber noch keine Form des Umgangs mit der Differenz von Wissen und Nichtwissen dar.
    Wissen in Bezug zu Nichtwissen zu setzen, bedeutet, dass Information nur zustande kommt, „wenn vom Sender ebenso wie vom Hörer, und dies je unterschiedlich, der Auswahlbereich möglicher Nachrichten erfunden, konstruiert, unterstellt wird, in dessen Licht die tatsächlich ausgewählte Nachricht dann verstanden werden kann“ (Baecker 2004: Wozu Soziologie?, 147).

  3. das wäre dann doch eine form von kommunikation?! Das hängt natürlich davon ab, wie man Kommunikation auffasst. Wenn man dies klassisch und technisch begreift, kann man natürlich bei Signal- oder Datenübertragung von Kommunikation sprechen. Hält man sich jedoch an die Systemtheorie, dann wäre das keine Kommunikation. Das ist übrigens auch ein interessanter Punkt, inwiefern der Computer als Verbreitungsmedium die Luhmannsche Kommunikationstheorie so verändert, dass sie eventuell anders ausgearbeitet werden müsste.

  4. stelle man sich vor: man stellt den computer so ein, dass er nicht direkt sein wissen komplett preisgibt, sondern nur auf nachfrage, ihn „vermenschlicht“, wäre das dann kommunikation?

    bahnhof (-;

  5. Damit wäre der Zugriff auf und Umgang mit Wissen immer noch „innerhalb“ des Computers (oder: innerhalb des Bewusstseins) geregelt, und nicht in der Kommunikation. Aber beides sind ja eigenständige, operativ geschlossene Systeme, und somit wäre diese Art der Programmierung keine Kommunikation, solange der Umgang mit der Form des Wissens nicht in der Kommunikation, also dem sozialen System, geregelt wird.
    Man darf hier auch nicht die Metapher, dass Computer „kommunizieren“, was ja oftmals nur bedeutet, dass Daten ausgetauscht und darauf auch mit einer geplanten und erwartbaren(!) Aktion reagiert wird (Windows-Systeme mal ausgenommen 😉 ), mit Kommunikation verwechseln.

  6. Hallo,

    das ist ja interessant. Scheinbar habe ich ein ganz anderes Bild von der Kybernetik.

    ich verstehe nämlich folgenden Satz nicht

    “ …. Während Kybernetiker offensichtlich bereits Mitte des 20. Jahrhunderts davon ausgingen, dass mit Hilfe von Computern ohne weiteres das menschliche Bewusstsein abzubilden sei, versuchten andere Wissenschafter die Stellung des Subjekts zu stärken und somit den Computer als Konkurrenz zum Menschen zu entkräften. … “

    Welche Kybernetiker meinst Du (Namen, Zitate, …)? Darüber hinaus würde mich interessieren, wieso das für Dich durch was offensichtlich ist? Ich sehe das ja ganz anders, ich bin sogar davon überzeugt, das die „anderen Wissenschaftler“, welche die Stellung des Subjektes stärken, höchst kybernetisch denken und deren Wurzeln in der Kybernetik liegen (Systemische Ansätze, NLP, ….)?

    Andreas

  7. Hallo Andreas, es sollte eigentlich „offenbar“ statt „offensichtlich“ heißen, hab es mal korrigiert. Welche Kybernetiker gemeint sind, kann ich nicht sagen, ich hab’s so von Luhmann übernommen. Dieser wiederum bezieht sich wohl auf Tagungen oder Veröffentlichungen aus den 50er Jahren.

    Ich sehe das ja ganz anders, ich bin sogar davon überzeugt, das die “anderen Wissenschaftler”, welche die Stellung des Subjektes stärken, höchst kybernetisch denken und deren Wurzeln in der Kybernetik liegen (Systemische Ansätze, NLP, ….)? Wieso insbesondere die anderen bzw. was wären deren kybernetische Denkweisen?

  8. Die in dem Artikel angesprochenen Tagungen könnten tatsächlich die sein, auf die Luhmann sich auch bezogen hatte. Der Link zur Medienwissenschaft ist ganz interessant, aber beim Thema „Medienwissenschaft“ kann ich nicht ganz mitreden, weil ich mich bisher kaum mit dem „Medienbegriff“ außerhalb der Systemtheorie beschäftigt habe.

  9. Die Tagungen nannten sich „Macy-Konferenzen“. Der Frage warum Albert Einstein nicht daran teinehmen wollte, würde ich noch gerne nachgehen. Vielleicht hatte er Angst oder zuviel Respekt vor dem Potenzial.
    Ich finde das mit dem „Medienbegriff“ ist ein „zentrales Thema“, nicht nur weil ich im Medienbereich arbeite, sondern weil ja auch du (und eigentlich wer nicht?) Medien benutzt. Man spricht ja auch überall von der „Medienkompetenz“. Durch deine Arbeit hier an diesem Blog bist du auch „Medienproduzent“. Was bedutet es für dich den Medienbegriff außerhalb der Systemtheorie zu erfassen? Ich hatte bis jetzt verstanden, die Systemtheorie würde alles erfassen. Jetzt spinne ich mal den Satz: „Medien sind die Träger vererbbarer Eigenschaften“.
    Liebe Grüße

  10. Der Medien-Begriff, den Luhmann ausarbeitet, wird nicht als „Medium“ im Sinne eines Überträgers verstanden (oder bspw. Massenmedien wie Fernsehen, Zeitung, Bücher), sondern orientiert sich an einen alten Aufsatz von Fritz Heider, Ding und Medium. Luhmann hat dies übernommen und als „Medium/Form-Differenz“ in die Systemtheorie eingeführt. Das Problem dabei ist, dass der Formbegriff in dieser Differenz ein anderer ist als der Spencer Brownsche Formbegriff und somit vorsichtig gelesen und auseinander gehalten werden muss.

    Ein Medium ist eine Menge lose gekoppelter Elemente, aus denen Formen (feste gekoppelte Elemente) entstehen. Sein Beispiel ist immer Sprache (Medium), das aus lose gekoppelten Elementen (Wörtern) besteht. Erst durch Formbildung (Sätze), also feste Kopplungen, wird das eigentliche Medium sichtbar, aber nur kurzzeitig. Zugriff auf das Medium besteht nicht.

    Interessant hier vor allem der Bezug zum Medium „Sinn“, der ja von allen sozialen und psychischen Systemen verwendet wird. Da Medien unbeobachtbar sind, gilt dies auch für Sinn. Die Unbeobachtbarkeit von Sinn bringt Luhmann mit Religion in Verbindung:

    Hier drängt sich ein Hinweis auf den gothischen Kirchenbau auf, dessen Eigentümlichkeit nicht zuletzt darin besteht, nur gebrochenes, unterscheidbares Licht hereinzulassen und damit das Medium Licht sichtbar zu machen. Man könnte dies verstehen als Symbol dafür, daß die Religion beansprucht, Sinn beobachtbar und beschreibbar zu machen (Luhmann (2002): Die Religion der Gesellschaft, 16, Fußnote)

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