Das, was herkömmlich als Sinnlosigkeit bezeichnet wird, bezieht sich direkt auf die Funktionslosigkeit. Wie ich vor kurzem in diesem Beitrag schrieb, könnte dies vor allem daran liegen, dass Arbeit das Inklusionsmedium der Moderne ist. Mit der Entberuflichung gibt es demnach viele Leute, die keine „Funktion“ mehr haben, und dies trifft umso mehr für Personen mit Pflegebedarf oder auf physisch und mobil eingeschränkten Personen zu.

Sieht man mal vom Stellenwert der Arbeit ab, gibt es – zumindest aus systemtheoretischer Sicht – keinen Grund, irgendeinem Funktionssystem (sei es Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion, Politik etc.) eine Vorzugstellung zuzusprechen, sozusagen als „zentrale Instanz“ der Gesellschaft.

Als gesellschaftlich relevant gilt jemand nicht ausschließlich dann, wenn er arbeitet, sondern wenn er für Kommunikation relevant wird! Dieser Aspekt wird mit dem Begriff der Addressabilität bezeichnet. Kommunikation, die nicht aus Menschen besteht, muss Zurechnungspunkte suchen, an die sich die Kommunikation richtet. Adressabilität ist somit als ein mehr oder minder spezifisches Inklusions/Exklusions-Profil beschreibbar. Je nach Kontext ist man als Person für bestimmte soziale Kontexte und Kommunikationen interessant oder eben nicht. Niemand ist in allen kommunikativen Hinsichten adressabel, und jeder ist in allen ihm zugänglichen Kommunikationskontexten auf verschiedene Weise eingeschlossen/ausgeschlossen. Studenten, Professoren und Raumpflegepersonal sind bspw. im Hochschulsystem inkludiert, aber alle auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Kommunikationschancen, mal eingeschlossen, mal ausgeschlossen.

Ältere, pflegebedürftige Menschen sind auch für viele gesellschaftliche Kommunikationen adressabel: Politik (Wahlrecht), Recht (Pflegeversicherung), Religion, Medizin… In systemtheoretisch strenger Fassung könnte man also nicht von Sinnlosigkeit sprechen. Was könnte aber dann in erster Linie das Problem sein?

Eventuell geht es um Relevanzmarkierungen. Kommunikation muss Personen nicht nur adressieren, sondern sie auch für relevant halten. Das Problem älterer Menschen könnte also im Relevanzentzug liegen. Daran lässt sich erkennen, wo alte Menschen nicht mehr an Kommunikation anschlussfähig sind.

Ein weiterer Aspekt besonders bei Pflegebedürftigkeit ist der Körper. Sinnzumutungen laufen verstärkt über den Körper, d.h. es geht immer weniger um den mitgeteilten Sinn, sondern um die Reduktion auf Körper. Dies betrifft natürlich auch Relevanzmarkierungen, wenn alte Menschen in der Kommunikation nicht mehr auf das ganze Sinnspektrum zugreifen können, wenn also die Themen sich nur noch um Gebrechlichkeit drehen.

So weit mein weiteres „Brainstorming“ zum Thema Alter…

Referenzen: Sinn und Unsinn der Alternsforschung – oder: Wieviel Sinn brauchen alte Menschen?; Wenig Neues vom Alter. Ein systemtheoretischer Ausweg aus gerontologischen Denkschleifen; Fuchs (1997): Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. In: Soziale Systeme, Heft 1, S.57-79