Individualität in der Moderne

Das Bewusstsein hat die Funktion, Wahrnehmung zu externalisieren. Es greift also die über das Nervensystem vermittelten quantitativen Informationen auf und wandelt sie in „lesbare“ Zeichen um (Bewusstsein als Text, könnte man mit Derrida sagen). Diese Zeichen wiederum sind sozial angeliefert, also durch konditionierte Koproduktion (oder Koevolution) mit Kommunikation entstanden. Nur deshalb ist in kulturell ähnlichen Regionen ein Tisch ein Tisch, ein Stuhl ein Stuhl etc. Aber was hat das mit Individualität zu tun?

Das Bewusstsein kann sich nicht als Singularität, als Einzigartigkeit oder Individuum begreifen, weil es zur Selbstbeschreibung wie gesagt auf Zeichen angewiesen ist, die nur sozial angeliefert werden können – und damit allgemein sind, da sie allen zur Verfügung stehen, und zwar: zur Verfügung stehen müssen! Andernfalls werden die Zeichen nicht verstanden und können nicht mitgeteilt werden, wodurch die Selbstrepräsentation als Individuum wiederum nur ein psychisches Spielchen bliebe, aber sozial nicht wirksam wird. Individualität wird zum Problem, nicht zum Tatbestand. Es gibt keine individuellen Instrumente, seine Individualität zu beschreiben. Sprache und Gesten sind allgemeine, sozial formatierte Zeichen.

Früher begriff man unter Individuum das Un-Teilbare, also ein Exemplar aus einer Menge von vielen gleichen Exemplaren. Erst in der Moderne wird unter Individualität ein abweichendes Verhalten verstanden. Die Zumutung, sich individuell zu verhalten, kann aber nur symbolisiert werden durch die Kopie von Symbolen derselben oder ähnlichen Art – um verstanden zu werden – und ist damit eine logische Unmöglichkeit.

Diese Unmöglichkeit liegt in der Einzigartigkeitsparadoxie, die darin besteht, dass bei den Symbolen der Einzigartigkeit die Unmöglichkeit von Symbolisierung der Einzigartigkeit einfach ignoriert oder als irrelevant angesehen wird. Nur so kann diese Symbolisierung funktionieren, also sozial durchgehalten werden.

Den Ausweg aus diesem Paradox liefert – wie so oft, könnte man mit Rückgriff auf Spencer Brown sagen – die Zeit. Die Person, dieses „Konglomerat“ aus Erwartungen und Rollenverhalten, um es mal etwas unpräzise zu umschreiben, ist bekannt, das heißt, die soziale Adresse basiert auf erinnerten Mustern. Diese Muster legen jedoch das zukünftige Verhalten der Person nicht fest, sondern projizieren die Freiheit zu abweichendem Verhalten in eben diese Zukunft.

Wird das Problem, dass die Symbole zur Darstellung von Individualität nur Kopien allgemeiner Zeichen, und somit nicht mehr individuell sind, heute zunehmend erkannt? Die spekulative These wäre, dass Tattoos und Piercings beispielsweise als Versuch gedeutet werden können, immer extremere Formen heranzuziehen, um Individualität zu symbolisieren. Die Individualität, die das Bewusstsein nicht bieten kann, würde dann durch Referenz auf Körper zunehmend ersetzt werden…

Vielleicht könnte ich die These etwas mehr ausarbeiten, wenn ich den somatic turn in der Soziologie stärker verfolgen würde, aber dazu fehlte mir leider noch: die Zeit!

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3 Kommentare zu „Individualität in der Moderne

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