Individualität unterliegt dem Einzigartigkeitsparadox, es ist also nicht möglich, sich individuell, also einzigartig zu verhalten, ohne auf allgemein vorgelieferte, verständliche Symbole zurückzugreifen. Die Zumutung der modernen Gesellschaft liegt jedoch darin, sich individuell zu verhalten, vielleicht könnte man hier auch sagen: seine eigene Biografie zu konstruieren. Wenn es keine individuellen Instrumente gibt, seine Individualität zu beschreiben, bleiben nur noch Erzählungen, um Individualität zu markieren, oder eben der Kontingenzrahmen, mit dem eine Person ausgestattet wird, wenn die Zumutung zu abweichendem, individuellen Verhalten in die Zukunft projiziert wird. Wie aber lässt sich unter den modernen Bedingungen der Individualität, also milliardenfachem „Einzelverhalten“, soziale Ordnung erklären?

In den stratifizierten Gesellschaften des Mittelalters gab es noch einen universellen „Direktivenkosmos“, sodass richtiges Verhalten aus diesem abgeleitet und damit festgestellt werden konnte. In der modernen Gesellschaft überzeugt diese Ordnung nicht mehr und es gibt keine gesellschaftsweiten, absoluten Kriterien mehr für richtiges und falsches Verhalten.

Es existieren (…) keine sozialen Evidenzen, die gesellschaftsweit anerkannt wären. Die Idee der universalen Vernunft, an der eigentlich alle voll sozialisierten Subjekte ihren Anteil hätten, wird fragmentarisiert, pluralisiert und – alles in allem – unter den vertrackten Beobachtungsbedingungen einer polykontexturalen Gesellschaft aufgelöst. Sie wird suspekt und begegnet nur mehr in der Form lokaler »Vernünfteleien«.(Fuchs 2003, Eigen-Sinn des Bewußtseins, 91f)

Vernunft und Rationalität sind keine universalen Kennzeichen des Menschens mehr. Vielmehr spielen lokale Aspekte der Sozialisation im Hinblick auf Kultur (und hier dann: Entstehung von Normen durch doppelte Kontingenz) eine Rolle…