Zwangsneurotische Systemtheorie

Hermeneutische Zugänge zu Leben und Werk Niklas Luhmanns können durchaus kontrovers aufgefasst werden. Vielleicht liegt dies auch an möglichen Problemen im Zusammenhang mit der Methode der Objektiven Hermeneutik. Ich finde die Argumentation dieses Textes jedenfalls an mehreren Stellen für sehr gewagt, und möchte kurz etwas zur Objektiven Hermeneutik und anschließend zu einer exemplarisch ausgewählten Textstellen sagen.

Die Objektive Hermeneutik lehnt jegliche Emphase einer subjektiven Perspektive einer verstehenden Soziologie entschieden ab. Direkter Zugang (Fremdverstehen) zur protokollierten Wirklichkeit (Texten) ist dabei prinzipiell unmöglich. Es geht also nicht um das Entbergen subjektiv gemeinten Sinns von sozial Handelnden innerhalb sozialer Kontexte. Vielmehr soll versucht werden, latente Sinnstrukturen im Sinne von objektiv gegebenen Realitäten zu entdecken. Bei der Analyse werden Kontexte gesucht, die erst durch die Kommunikation hergestellt werden und die Handlung dadurch interpretierbar machen.1

In der Objektiven Hermeneutik jedoch ist der Anschluss an Kontexte bei weitem rigider, da versucht wird, den Zufall aus den Interpretationen auszuschließen. Der Hinweis auf die so genannten latenten Sinnstrukturen verdeutlicht dies. Diese Sinnstrukturen gelten als »objektive Regeln« (von Handlungen) die zur objektiven Realität führen.2

Für den hier vorgestellten Text „Hermeneutische Zugänge zu Leben und Werk Niklas Luhmanns“ kommt das durch – meiner Meinung nach – teilweise sehr gewagte Kausalinterpretationen, die wenig Spielraum für Kontigenz lassen, zum Ausruck. Ein Beispiel auf Seite 13:

Voraussetzung für die Konstitution eines Subjektes ist die Entwicklung eines autonomen Willens, von Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Voraussetzung dafür wiederum ist die Abwesenheit von innerem und äußerem Zwang. Für einen von Zwängen Geplagten kann es keinen freien Willen, keine autonome Entscheidung, keinen Subjektstatus geben. Folglich muss der Subjektstatus, der in der Praxis nicht realisiert werden konnte, auch in der Theorie vermieden werden.

Durch die Aussage Luhmanns in einem Interview, seine Studienmotivation war unter anderem durch sein Interesse an „Recht als Ordnungsfaktor“ begründet, schließt der Autor auf eine Zwangsneurose (die, nebenbei bemerkt, typisch für Systemtheoretiker sei) und auch darauf, dass der „Ausschluss“ des Subjektes aus der Systemtheorie dadurch erklärbar ist.

Was aber ist mit der Konstruktivität von Biografien? Den vergangenen Ereignissen wird dabei aus der Gegenwart Bedeutung verliehen.3 Wie hätte Luhmann also damals seine Entscheidung begründet? Ferner schreibt der Autor, durch den Fokus auf „Recht als Ordnungsfaktor“ würden derart viele andere Facetten des Rechts ausgeblendet, sodass die „Ordnungsneurose“ eindeutig hervortrete. Meiner Meinung nach liegt hier vielmehr ein Funktionsinteresse vor als der Wunsch nach Ordnung, zumindest aber sind durchaus auch andere Interpretationen denkbar und plausibel.

Das (zwanghafte) Interesse Luhmanns an Ordnung sieht der Autor unter anderem auch in der Entwicklung des Zettelkastensystems bestätigt (muss ich mir langsam Gedanken machen? 😉 ). Allerdings werden Archivier- und Zettelkastensysteme heutzutage wahrscheinlich recht häufig verwendet. Daher scheint mir auch dieser Zusammenhang vielleicht als ein mögliches Indiz für die Thesen des Autors, aber dennoch gewagt.

Die Argumentation ist natürlich, dass durch die Vielzahl an Indizien eine gewisse Systematik und damit: Ordnung in der Biografie Luhmanns erkennbar werden, die eben solche Thesen stützen. Aber… was sagt die Leserschaft dazu?

 

1 Nassehi A. 1997. Kommunikation verstehen. In: Sutter T (Hg). Beobachten verstehen, Verstehen beobachten. Perspektiven einer konstruktivistischen Hermeneutik. Westdeutscher Verlag, 135-163

2 Nassehi A, Saake I. 2002. Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? Ein Beitrag zur Methodologie der qualitativen Sozialforschung. In: Zeitschrift für Soziologie, 31/1, S.66-86

3 Marotzki W. 2000. Qualitative Biographieforschung. In: Flick U, von Kardoff E, Steinke I (Hg). Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 175-186

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