Ökologische Kommunikation und Klimawandel

Aus aktuellem Anlass hab ich mir jetzt endlich mal vorgenommen, das Buch ökologische Kommunikation von Luhmann zu lesen. Das Buch ist zwar schon über 20 Jahre alt, aber erstaunlicherweise immer noch hochaktuell und noch lange nicht überholt. Zudem ist es ein sehr gutes Buch, um Systemtheorie zu verstehen, aber auch insgesamt besser zu begreifen, mit welcher Heuristik die Systemtheorie arbeitet.

Ich zitiere dazu mal aus einem Interview mit Luhmann:

Die Fragestellung dieses Buches „Ökologische Kommunikation“ war: Warum geschieht so wenig? Man muß doch zunächst einmal verstehen, weshalb wir so wenig von der Stelle kommen, weshalb das Waldsterben fortläuft, weshalb wir mit den Ressourcen so umgehen, daß wir sicher sein können, von dem einen oder anderen in fünfzig oder hundert Jahren nichts mehr zu haben. Diese Selbstläufigkeit der Gesellschaft muß verstanden werden. Sonst bleibt man bei bloßen Appellen oder wilden Protesten, die gar nicht zur Kenntnis nehmen, wie die Sache auf der anderen Seite – in der Ökonomie, der Politik, der Wissenschaft, in der Technik und so fort – aussieht. Die (…) praktische Intention des Buches war, zu sagen: Es ist nicht einfach böser Wille oder Eigensucht oder dergleichen. Sondern es gibt im Kommunikationssystem Eigengesetzlichkeiten, die wir in Rechnung stellen müssen, wenn wir irgendeine Art von ökologischer Politik haben wollen.

Luhmann sieht also Probleme in der bisherigen (theoretischen) Diskussion insofern, weil diese Beobachter mit moralischen Semantiken arbeiten, ohne dabei die eigene Einschränkung, die jeder Operation der Beobachtung zugrunde liegt, zu sehen. Folglich ist man innerhalb der Argumentation schnell bei der Moral angelangt und begründet diese mit „besserem“ Wissen, obwohl dieses Wissen lediglich ein anderes ist. Diese Schlussfolgerung leitet Luhmann aus der Kybernetik 2. Ordnung ab:

Die Erkenntnis der Kybernetik 2. Ordnung ist, dass beobachtete Systeme (die im Modus der Beobachtung erster Ordnung operieren) ihre Realität aus rekursiven Operationen konstruieren – und sie (=Kyb. 2. Ordnung) muss darauf schließen, dass dies auch für die Beobachtung 2. Ordnung gilt, weil eine Beobachtung zweiter Ordnung eine Beobachtnug ist, und damit den Regeln jeder beobachtenden Operation (Autopoiesis) unterliegt (siehe dazu immer wieder gerne: George Spencer Brown). D.h., die Beobachtung 2. Ordnung produziert nicht „besseres“ (auch nicht im Sinne von objektiveres) Wissen, sondern nur anderes Wissen, das sie für besser hält. Aber sie (hier wieder: die Kybernetik 2. Ordnung) weiß dadurch immerhin: dass man nicht sehen kann, was man nicht sehen kann.

Die Wissenschaft kann folglich die Wirklichkeit nicht „besser“ erkennen, da es keine objektiv gegebene Realität gibt. Und ohne die Mittel der Kybernetik 2. Ordnung würde die Wissenschaft viele System-Umwelt-Beziehungen vernachlässigen und gar nicht begreifen können, weshalb ihre „bessere Erkenntnis“ oftmals keine gesellschaftliche Resonanz hervorruft („grau ist jede Theorie“): Denn die Erkenntnis der Wissenschaft hat als Umwelt vieler anderer Systeme (Religion, Politik, Sport, Wissenschaft) gar keinen Realitätswert – bestenfalls nur als wissenschaftliche Theorie.

Folgerung Luhmanns:

Wir müssen den Reflexionspunkt der Kybernetik zweiter Ordnung: daß man sehen kann, daß man nicht sehen kann, was man nicht sehen kann, als Ausgangspunkt wählen. Nur dann kann man adäquat begreifen, weshalb unsere Gesellschaft es trotz, und gerade wegen, ihrer zahlreichen Funktionssysteme so schwerfällt, auf eine ökologische Selbstgefährdung zu reagieren (S.59)

Die moderne Gesellschaft hat viele Möglichkeiten freigesetzt, zu beobachten und zu beschreiben, wie ihre eigenen Systeme operieren und wie sie ihre Umwelt beobachten. Nur ist diese Form der Beobachtung zweiter Ordnung nicht ausreichend durch Selbstbeobachtung diszipliniert, so das Fazit Luhmanns. Um auf das Zitat aus dem Interview zurückzukommen: Die Eigengesetzlichkeiten der Kommunikation müssen durch Selbstbeobachtung beobachtet werden, um zu verstehen, warum geschieht, was geschieht, und warum nicht geschieht, was vielleicht geschehen sollte. Erst wenn diese Eigengesetzlichkeit der Gesellschaft (=Kommunikation) mit hinreichend komplexen Theorien analysiert werden kann, können vernünftige Argumente und funktionale Äquivalente oder Lösungen entwickelt werden.

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Ein Kommentar zu „Ökologische Kommunikation und Klimawandel

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