Ich möchte an dieser Stelle an die Ausführungen des letzten Beitrags anschließen. Die Frage war, welche Probleme die Gesellschaft produziert, für die Nachhaltigkeit dann als Lösung angesehen werden kann.

Ein Problem, das die moderne Gesellschaft unweigerlich produziert, wäre ihre Risikoaffinität. Aufgrund funktionaler Differenzierung und operativer Geschlossenheit der gesellschaftlichen Teilsysteme (Politik, Wirtschaft, Religion…) gibt es keine zentrale Instanz mehr, die die Gesellschaft steuert. Dies wiederum hat auch Auswirkungen auf die Individuen, deren Zugang zu gesellschaftlichen Funktionssystemen nicht automatisch, sondern selbstorganisiert geschehen muss.

[Das Individuum] ist in zunehmenden Maße gezwungen, mit pluralen Inklusionsverhältnissen und mannigfaltigen Anschlussrisiken umzugehen.(Wetzel 2005: 196)

Unsicherheiten werden also laufend produziert, weil das eine System nicht determinieren kann, was das andere macht. Autopoiesis as usual. Nachhaltigkeit zeichnet sich hier als eine Lösung in der Form einer Präventionsstrategie oder als Form eines Risikomanagements ab. Nachhaltigkeit, könnte man auch anders formulieren, bearbeitet die durch die Gesellschaft produzierte Selbstgefährdung.

Wie kann Nachhaltigkeit nun als Steuerunginstrument für langfristigere Planungen fungieren, insbesondere vor dem Hintergrund divergenter Logiken verschiedener Sozialsysteme und Organisationen?

Die Lösung liegt laut Wetzel darin, eben nicht zu versuchen, die Folgen funktionaler Differenzierung zu minimieren, d.h. die Eigenlogik und Selbststeuerung sozialer Systeme zu verringern und einer Instanz das Steuerungsprimat zuzusprechen. Dies ist ohnehin nicht mehr möglich. Es ist kaum zu erwarten, dass alle Systeme und Organisationen in annähernd gleicher Weise auf Risiken (und sei es Risiken hinsichtlich der Sicherung und Planung nachhaltiger Versorgungsstrukturen) reagieren. Vielmehr sollten Organisationen reflexiver operieren. Die Differenz von System (Selbstwahrnehmung) und Umwelt (Fremdwahrnehmung) kann nur intern (re-entry) bearbeitet werden. Hier liegt das Potenzial, „die Folgen und Reaktionen auf sein [das System oder die Organisation, DL] eigenes Operieren in die künftige Ausrichtung seiner Operationen einzubeziehen“ (Wetzel 2005: 203).

Nachhaltigkeit wäre demzufolge ein Konzept für Reflexionssteigerung oder Sensibilisierung der Selbstbeobachtung und verbesserter Berücksichtigung der Autonomie und Eigenlogik anderer Systeme. So kommen nicht nur Folgen, sondern auch Nebenfolgen von Entscheidungen in den Blick und werden transparenter, was wiederum mehr Möglichkeiten für eigene Entscheidungen eröffnet. Man erkennt die „pluraleren Steuerungskapazitäten und ihre Kontextualisierung“ (ebd 204).

Fazit: Nachhaltigkeit könnte so konzipiert werden, dass die Selbstbeobachtung sensibilisiert wird und somit Möglichkeiten bereitstellt, die Rückwirkung eigenen Operierens über fremde Beobachter auf sich selbst und die Umwelt zu thematisieren.