Die Form Person

Ich möchte hier eine Anregung aus den Kommentaren des vorletzten Beitrags aufgreifen und etwas über die Form Person schreiben. Meine Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf den gleichnamigen Artikel von Niklas Luhmann sowie ein Referat von Peter Fuchs zum Thema „Der Mensch – das Maß aller Dinge?“ (mittlerweile auch veröffentlicht). Ziel ist es, die Form Person zu beschreiben und zu überlegen, was sich daraus für die Konstruktion eines Nutzerbegriffs schlussfolgern lässt.

Vorweg ist zu sagen, dass die Form Person eben eine Form und kein System ist. Die Form Person ist lediglich ein Beobachtungsschema mit einer Leitunterscheidung, die bestimmt, welche Anschlüsse in einer Kommunikation möglich sind und welche nicht, und auch was durch diese Form explizit ausgeschlossen und nicht zum Thema der Kommunikation wird – jedenfalls nicht in dem Moment, in dem das Formschema „Person“ zum Einsatz kommt.

Damit ist auch gesagt, dass, wenn man von „Person“ spricht und dies vor dem Hintergrund der Systemtheorie Luhmanns macht, eben kein Individuum, kein Mensch und kein Bewusstsein (psychisches System) gemeint ist. Die Person ist kein anderer Gegenstand als ein Mensch oder Individuum (also keine weitere „Objektbezeichnung“, obwohl es hier klassich formuliert um Subjekte geht), sondern eine andere Form, mit der man Gegenstände wie menschliche Individuen beobachtet.

Als Form bezeichnet Person die Einheit einer Unterscheidung und damit zwei Seiten einer Form. Die eine Seite der Form, der Positivwert, ist im Spencer Brown’schen Sinne1 die markierte Seite, also die Unterscheidung, an der die Kommunikation anschließt. Luhmann bezeichnet diese Seite als Person. Die Gegenseite zur Person bildet die Unperson. Das klingt im ersten Moment wie „unmenschlich“ oder ähnliches, ist aber anders gemeint. Dazu gleich mehr.

Luhmann bestimmt die Person als individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten. Der Akzent liegt auf Einschränkung, d.h. die Form Person weist durch diese Einschränkung bestimmte Verhaltensweisen als die andere Seite der Form, also nicht zur Person zugehörig, aus. Nicht zugehörig, das bedeutet, diese Seite ist unmarkiert und damit als Gegenseite zur markierten Seite für die weitere Kommunikation im Moment nicht relevant ist. Die Negativseite einer Form bezeichnet also das, was für den Moment der Kommunikation nicht gemeint ist. Die Unperson bezeichnet demnach Sachen, die nicht die Person selbst bezeichnen, aber (und das ist wichtig!) in der weiteren Kommunikation attribuiert werden könnten(!) und ggf. auf die Person durchschlägt (wie bspw. unerwartete Verhaltensweisen).

Ein Beispiel: Als Person im Rahmen eines Vortrags werden mir persönlich bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben, eine Art Erwartungshaltung. Abweichendes Verhalten wie plötzliches Singen wäre immer im Bereich des Möglichen, aber eben immer nur eine potenzielle Möglichkeit und damit auch auf der unmarkierten Seite „Unperson“. Solange ich nicht beim Vortrag singe, wird sich die Erwartungshaltung der Teilnehmer (oder: Zuhörer) mir gegenüber nur wenig ändern. Erst in dem Moment, wo ich mir heimlich ausmale, wie es wäre, den Vortrag durch eine Gesangseinlage zu unterbrechen – und dies dann auch tatsächlich mache! – , schlägt die Seite der Unperson durch auf die Seite der Person. Das neue Verhalten jedoch wird in dem Moment, in dem es „markiert“ wird, Teil der Person und würde die Erwartungshaltung der Zuhörer entsprechend ändern. Dabei ist wichtig, dass die andere Seite der Form, also die Unperson, das Menschsein oder Individuum-sein nicht ausschließt, sondern nur unbestimmt (also: nicht aktuell) lässt. Bestimmt, und daher eben eingeschränkt attribuierte Verhaltensweisen, ist jeweils nur die markierte Seite der Form, also die Person. Die Seite der Unperson bleibt unbestimmt (marked/unmarked), „ebenso unbestimmt wie die Unmasche beim Stricken oder das Unloch beim Billard“ (S.142).

Wenn man im Formschema beobachtet, muss es dazu immer einen Anlass geben: Warum beobachtet man im Schema Person/Unperson, und nicht irgendwie anders? Der Anlass (im Schema Person/Unperson zu beobachten) ist nach Luhmann doppelte Kontingenz: Jede Entstehung von Sozialsystemen bringt die Beteiligten in die Notlage, sich im Sozialsystem als kommunikativ, als Person, zu geben. Denn in so einer Situation doppelter Kontingenz muss jeder Teilnehmer sein Verhalten auf das der anderen abstimmen, damit zufrieden stellende Reaktionen eintreten. Dies führt unweigerlich zur Einschränkung des Spielraums der Möglichkeiten und damit unweigerlich zur Entstehung von Personen.

Die Form Person dient ausschließlich der Selbstorganisation des sozialen Systems, der Lösung des Problems der doppelten Kontingenz durch Einschränkung des Verhaltensrepertoires der Teilnehmer (S.145)

Das schließt die Beteiligung des psychischen Systems keineswegs aus, denn soziale und psychische Systeme sind strukturell untrennbar aneinander gekoppelt. Die Form Person dient also der strukturellen Kopplung zwischen psychischem und sozialem System.

Kurze Atempause…

Versucht man nun den Bogen zum Nutzer zu spannen, ist es eventuell notwendig, zusätzlich den Rollenbegriff heranzuziehen und das Verhältnis von Rolle und Person kurz zu beleuchten. Der Begriff der Person, hatten wir gesagt, beschreibt ein adressiertes Bündel von Erwartungen, das sozial konstruiert ist. Im Gegensatz zur Rolle sind die Erwartungen jedoch individuell, beruhen also auf Kenntnis der Person, und sind somit an eine bestimmte Person geknüpft. Die Rolle zeichnet sich demgegenüber durch allgemeine Erwartungsbündel aus. Fuchs hat als Oberkategorie den Begriff der sozialen Adresse2 vorgeschlagen. Adressabilität wird, je nach Kontext, unterschiedlich strukturiert, d.h. mal wird die Person als kommunikative Struktur wirksam, mal die Rolle – je nachdem, wie bekannt und vertraut die Teilnehmer einer Kommunikation sind.

Was lässt sich nun aus diesen Ideen zur Kombination von Fremd- und Eigenerwartungen (also dem Problem der doppelten Kontingenz, siehe oben) für den Nutzerbegriff schlussfolgern? Laut Luhmann sind durch die Form Person keine weltbewegend neuen Erkenntnisse hinzugekommen. Der Rollenbegriff und auch der Personenbegriff waren schon länger bekannt. Das wirklich und wichtig Neue liegt nach Luhmanns Meinung vor allem darin, dass eben durch die Person kein Individuum (und auch kein psychisches System) bezeichnet ist, sondern eine kommunikative Struktur, die psychische und soziale Systeme strukturell koppelt und Erwartungen, Irritationen und Interpenetrationen dirigiert.

Meine Fragen, auf die ich hier und jetzt noch keine abschließenden Antworten geben kann, sowie einige Bemerkungen sind:

  • Der Nutzer muss nicht als Mensch oder Individuum gesehen, sondern kann für theoretische Analysen als besonderes Beobachtungsschema, als kommunikative Struktur eingesetzt werden.
  • Lässt sich der Nutzerbegriff als eigene Form konstruieren, oder ist Nutzer im Kontext von Adressabilität nur eine bestimmte Person oder Rolle? Oder beides?
  • Lassen sich die Erwartungshaltungen, die mit dem Nutzerbegriff verbunden werden, näher spezifizieren? Gibt es „allgemeingültige“ Erwartungen, oder hängen sie jeweils von besonderen Kontexten ab?
  • Wenn der Begriff „Nutzer“ keine eigene Form, sondern nur eine besondere Rolle oder Person darstellt, lässt sich dann daraus dann eine andere Form „Nutzerorientierung“ konstruieren?

Ich frage mich, ob es nun sinnvoll ist, den Begriff „Nutzerorientierung“ bereits konkret in diese Überlegungen mit einzubeziehen oder vorerst am Nutzerbegriff weiterzuarbeiten. Mal sehen, was die Literatursichtung in den nächsten Tagen ergibt.

 

1 Das wird wohl mein am häufigsten von mir selbst referenzierter Eintrag werden.

2 Fuchs Peter (1997) Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. Soziale Systeme, Heft 1: 57-79

Luhmann Niklas (2005) Die Form „Person“. In: ders. Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden: 137-148

Fuchs Peter (2007) Das Maß aller Dinge. Eine Abhandlung zur Metaphysik des Menschen. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist

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3 Kommentare zu „Die Form Person

  1. Mal eine anschließende Überlegung: Wenn ich das ganze nun auf Entlassungsmanagment beziehen würde, und es um Planung von Versorgungsprozessen geht – konkret um nutzerorientiertes Entlassungsmanagement – wie taucht der Nutzer (als Person, also als kommunikative Struktur oder strukturelle Kopplung, aber nicht als Mensch oder Individuum) dann in der Kommunikation auf? Als Beteiligter? Spricht man über Nutzerorientierung mit den betroffenen Patienten, oder findet die Kommunikation über Nutzerorientierung ohne den Patienten statt? Und was würde das (theoretisch) für das Konstrukt Nutzer oder Nutzerorientierung bedeuten?

  2. Es wäre gar nicht so einfach zu beantworten – ob ein Nutzer eine Person, nur Rolle, Patient oder ähnliches wäre…

    Was auf der Hand liegt ist, denke ich, dass ein Nutzer ein besonderer Bereich von Umwelt ist. So gesehen gehört er damit ersteinmal zum Publikum. Bei einem „Kunden“ wäre diese Sachlage ganz klar – in ihn projezierte sich die kleinste gemeinsame Erwartung… Allenfalls Porsche hätte tatsächlich „echte“ Kunden in Form von adressierbaren, individuellen Menschen (dieses Beispiel ist von Luhmann – wo es steht weiss ich aber nicht).

    Das Problem beim Nutzer ist ja eben seine Interprenetation mit dessen, was ihn als Nutzer beobachtet. Er könnte also aus der Publikumsrolle heraustreten und vielleicht sogar zum System gehören – das ist eine grosse Frage bei dem ganzen user-generated-content… Die Systemgrenzen müssen ganz neu gezogen werden – aber nicht abgeschafft – vielleicht muss man von Systemgrenzen unterschiedlichen Grades sprechen – meine Oma ist für Flickr ja nicht das gleiche wie ich es für Flickr bin – dennoch gehöre ich ebenso wenig zu Flickr wie sie – aber ich bin ein Nutzer – sie nicht… naja… schwierig den Nutzer zu beschreiben…

    ich hör hier mal auf weiter laut zu denken und wünsche die noch viel spass beim weiterdenken – halt uns auf dem laufenden – bin schon gespannt auf den nächsten einschub 😉

    aber an deiner stelle würde ich noch eher dem nutzer als der nutzerorientierung hinter herjagen – der nutzer ist ja erstmal anspruchsvoll genug und vielleicht ergibt sich die -orientierung ein bisschen von allein – wenn erstmal der nutzer klarer dargestellt ist…

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