Gestern war ich im ISS bei einem Dialog mit Dirk Baecker zum Thema Kommunikation und Gesellschaft. Er hat seine Kommunikationstheorie vorgestellt, die vor einiger Zeit auch als Buch veröffentlicht wurde. Im folgenden möchte ich kurz beschreiben, wie Baecker Kommunikation konzipiert und wie sich sein Kommunikationsbegriff von dem Luhmanns unterscheidet.

Die Motivation für Baecker, einen anderen Kommunikationsbegriff zu entwickeln, hat zwei Gründe: Zum einen hat Luhmann zwar an verschiedenen Stellen seinen Kommunikationsbegriff ausgearbeitet und beschrieben, dass Kommunikation als dreifache Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen angesehen werden kann. Dabei ist entscheidend, dass Kommunikation als operativ geschlossenes, eigenständiges (und soziales) System aufgefasst wird. In der Kommunikation wird das Was der Kommunikation (=Information) von dem Wie (=Mitteilung) unterschieden, und wenn dieser Unterschied erkannt (und nicht ignoriert etc.) wurde, findet im Kommunikationssystem der Anschluss durch Verstehen statt. Dieser „soziale“ Verstehensbegriff beinhaltet sowohl Verstehen (die Teilnehmer wissen, was warum gesagt wurde) als auch Missverstehen (die Teilnehmer haben die Absicht verstanden, aber nicht den Inhalt und fragen nach). Das kommunikative Verstehen zeigt also nur an, dass eine „Kommunikationsabsicht“ erkannt wurde.

Zurück zu Grund eins: Luhmann hat also mehrfach seinen Kommunikationsbegriff ausgearbeitet, dieser taucht jedoch in seinen großen Gesellschaftsanalysen (Wirtschaft der Gesellschaft, Wissenschaft der Gesellschaft, Politik der Gesellschaft…) nicht auf bzw. wird nicht angewendet. Daher stellt sich die Frage, ob der von Luhmann verwendete Kommunikationsbegriff überhaupt „anwenderfreundlich“ ist.

Der zweite Grund war Luhmanns immer stärkender werdende Verwendung des Spencer Brown’schen Formbegriffs. Luhmann soll mal gesagt haben, dass die Formtheorie eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung der Systemtheorie darstellt. In Gesellschaft der Gesellschaft ist bereits erkennbar, dass der Formbegriff für Luhmann immer zentraler wurde. Baecker fragte sich daher, ob es nicht möglich sei, den Kommunikationsbegriff stärker mit Hilfe der Formtheorie auszuarbeiten und dadurch vielleicht auch besser für systemtheoretische Analysen handhabbar zu machen.

Ausgangslage für die Entwicklung des Baecker’schen Formbegriffs ist die Kommunikationstheorie von Claude E Shannon, einem Ingenieur, der versuchte, eine mathematische Theorie der Kommunikation zu entwickeln. Shannon ging davon aus, dass zwischen der Quelle und der Mündung einer Kommunikation verschiedene Störquellen existieren, die praktisch immer vorhanden sind. Es gibt immer ein Rauschen, technsiche Probleme etc., sodass eine Nachricht selten ganz vollständig und fehlerfrei übermittelt werden kann. Shannon stellte nun Überlegungen an, wie sich anhand der korrekt übermittelten Teile einer Nachricht in Relation zu den defekten Teilen mit Hilfe der Statistik errechnen lässt, welche Informationen in den defekten Teilen enthalten waren. Beispiel: A B C D _ F G. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass hier ein E fehlt, und keine 3. Ähnliche Überlegungen stellt man unter anderem auch beim Vervollständigen von Zahlenreihen bei Intelligenztests an.

Entscheidend ist nun, dass diese Information eine Selektion aus einem bestimmten Auswahlbereich darstellt. Der Auswahlbereich ist nicht unendlich oder beliebig, sondern durch das Thema der Kommunikation (Kontext oder Kontextualisierung) deutlich eingeschränkt. Er ist unbestimmt insofern, dass das Thema der Kommunikation erst durch die Kommunikation hergestellt wird. Und er ist bestimmbar insofern, dass, wenn das Thema feststeht, nur noch bestimmte Anschlüsse möglich oder plausibel sind. Festzuhalten ist, dass Kommunikation nicht mehr als Übertragung, sondern nur noch als Selektion gesehen werden kann. Die Sender-Empfänger-Metapher ist demnach nicht mehr angebracht.

Diese Zweiseitigkeit (Information ist die Unterscheidung der Nachricht aus einem Auswahlbereich möglicher Nachrichten, also: I = N | A) erlaubt die einfache Verknüpfung mit der Spencer Brown’schen Formtheorie. Ganz basal ist für Baecker die Form der Kommunikation als Unterscheidung von Bezeichnung und Unterscheidung zu beschreiben – und ähnelt damit dem Beobachter, der auch Bezeichnung und Unterschiedenes unterscheidet. Als weitere Form der Kommunikation, die Baecker letztlich für sich verwendet, gibt es die Unterscheidung von Freiheitsgraden und Konditionierung. Freiheitsgrade sind dabei die Möglichkeiten, die die Kommunikation eröffnet (“lasst uns über dies reden und nicht über das“), wobei die Themenwahl bestimmten Bedingungen (dem Kontext, also Konditionierung) unterliegt.

Worin bestehen nun Unterschiede zum Luhmannschen Kommunikationsbegriff? Zum einen darin, dass der Kommunikationsbegriff von Baecker basaler angelegt ist und durch die einfache Form von Bezeichnung und Unterscheidung auch auf Bewusstseinsoperationen zutreffen würde, aber auch auf mechanische oder technische Systeme, die in der Lage sind, zu bezeichnen und zu unterscheiden. Damit wäre Kommunikation keine spezifische Operation von sozialen Systemen mehr!

Ferner erlaubt die konsequente Anwendung der Formtheorie einen – meiner Meinung nach – anderen Blickwinkel auf soziale Situationen und Kontexte. Man kann mit diesem Kommunikationsbegriff Interaktion, Organisation oder Gesellschaft analysiern, und hier wiederum – bspw. bei Organisationen – die unterschiedlichen Kontexte im Blick behalten: Mitarbeiter machen Vorschläge, haben aber nur ihren Arbeitsbereich im Blick. Chefs wiederum setzen die Vorschläge um oder nicht, mit der Begründung, dass andere Abteilungen diese Entscheidungen (nicht) mittragen würden, es rechtliche Probleme gebe etc. In der Spencer Brown’schen Notation könnte man Organisation wie folgt notieren: Organisation = Produkt | Verfahren | Organisation | Funktionssysteme | Gesellschaft | Individuum. Der Mitarbeiter aus dem vorigen Beispiel wählt seine Freiheitsgrade aus dem Kontext der Verfahren aus, der Chef gegenargumentiert unter dem Kontext des Wissens um Funktionssysteme (rechtliche Einschränkungen).

Das vorige Beispiel habe ich versucht, aus meinen Erinnerungen zu rekonstruieren, daher wirkt es etwas holprig. Für alle Interessierten kann ich daher nur die Lektüre von Form und Formen der Kommunikation empfehlen.