Spielregeln einer Organisation

Ich möchte mein gestern begonnenes Thema zu Fritz B Simons neuem Buch heute kurz fortsetzen. Und zwar geht es in diesem Beitrag um die Frage, wie eine Organisation Strukturen aufbauen kann, wie also die Muster oder Spielregeln einer Organisation entstehen und sich erhalten.

Kommunikation als Elemente eines sozialen Systems (und damit einer Organisation) verschwinden bereits wieder kurz nach ihrem Entstehen. Dies vorausgesetzt, stellt sich die Frage, wie Strukturen aufgebaut und erhalten werden können. Wie kann die charakteristische Ordnung einer Organisation reproduziert werden, wie werden Kommunikationen (Elemente) so verknüpft (Relationen), dass Strukturen entstehen?

Die Antwort, die Simon mit Verweis auf Luhmann gibt: Durch Erwartungen. Erwartungen (kann man meiner Meinung nach auch als Routinen oder Spielregeln bezeichnen) werden kommuniziert und auch: erwartet! Wenn Erwartungen erwartet werden können, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese auch erfüllt werden – denn abweichendes Verhalten (also Nicht-Erfüllung von Erwartungen) ist fortan erklärungsbedürftig. Erwartungen schränken somit den Handlungsspielraum aller Beteiligten ein und erleichtern damit die Koordination einer Vielzahl von Organisationsmitgliedern.

Aufgrund von Erwartungen, Routinen und Spielregeln können sich Organisationsstrukturen in besonderer Weise reproduzieren, ohne dass das Charakteristische einer Organisationen verloren geht. Repetitive Kommunikation von Erwartungen „frischt“ das Gedächtnis einer Organisation wieder auf.

Diese Spielregeln werden jedoch, so Simon, nicht durch die Akteure (also individuelle (Einzel-)Handlungen oder Motivationen) bestimmt. Die Spielregeln lassen sich nicht aus den Motivationen der Akteure für bestimmte Handlungen erklären. Die Motive der Akteure erklären nur, dass sie am Spiel teilnehmen, aber nicht, wie die Regeln entstanden sind und welches Spiel gespielt wird. Damit will Simon aufzeigen, dass – wenn man dies nicht bedenkt – allzu schnell die Gefahr besteht, die Eigenlogik von Organisationen aus dem Blick zu verlieren, wenn die Spielregeln als Resultat individueller Handlungen angesehen werden.

Und damit wären wir thematisch ungefähr beim gleichen Punkt angelangt wie am Ende des vorigen Beitrags…

Weitere Beiträge zu dem Buch werden sicherlich folgen.

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4 Kommentare zu „Spielregeln einer Organisation

  1. Hm… Wieso führt denn Erklärungsbedürftigkeit von Abweichungen dazu, dass sich Mitarbeiter an Regeln halten? In meinen Augen steckt da ein implizites Rational-Choice Argument drin: Etablierte Erwartungen erhöhen die „Kosten“ des Abweichens, weil Erklärungen nötig werden und das führt dazu, dass Mitarbeiter die Regeln einhalten. Oder gibt es einen anderen Mechanismus?

  2. Vielleicht müssten meine aufgeführten Argumente noch ausführlicher dargelegt werden. Wenn ich den Text richtig verstanden habe, geht es nicht nur um die Erwartung, die an den Einzelnen gerichtet ist, sondern generell um eine gewisse „Tradition“, also den Aufbau von Routinen und Strukturen. Simon gibt das Beispiel:
    Wer zum Friseur geht, um sich die Haare schneiden zu lassen, kann damit rechnen, dass ihm nicht der Zahn gezogen wird. (S.47)
    Kleinere Abweichungen (auch im Sinne mikropolitischer Spielchen) sind damit nicht ausgeschlossen, aber es soll zumindest erwartbar sein, dass ein Autohersteller auch Autos herstellt – und keine Kleidung. Es geht (mit Verweis auf Luhmann 1984, S.392) also darum, dass Erwartungsstrukturen Bedingungen der Möglichkeiten anschlussfähigen Handelns sind, und damit elementare Bedingung zur Selbstreproduktion eines Systems.
    Eine Rational-Choice-Argumentation würde ich hier nicht vermuten, da RC zu sehr auf den Einzelfall (Individuum) fokussiert, während hier kommunikative Strukturen in den Blick geraten.

  3. Das erklärt in meinen Augen immer noch nicht den Mechanismus der Wirkung der Erwartungen – wenn man mal über die Konzeption Luhmanns hinausdenkt. Könnte man es vielleicht populatonsökologisch formulieren: Mitglieder, die die Erwartungen nicht erfüllen – also beim Friseur Zähne ziehen oder viereckige Räder an ein Auto bauen – stellen keine anschlussfähigen Kommunikationen zur Verfügung und werden von dem System Organisation „ausgesondert“, das so seinen Erhalt sichert und eine grundsätzliche Konformität sicherstellt?

  4. Der Gedanke klingt gut! Auch den Hinweis auf Rational Choice fand ich sehr gut, weil mir das zeigt, dass ich beim Schreiben des Kapitels darauf achten muss, sehr präzise zu formulieren und eben aufzuzeigen, wovon ich meine Argumentation unterscheide.

    So viel nur in Kürze, muss gleich wieder weg.

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