So, habe ein paar Tage Urlaub hinter mir und nun wird es wieder Zeit für einen neuen Eintrag. Diesmal möchte ich was zur strukturellen Kopplung schreiben. Hintergrund ist die Frage, wie sich das Schnittstellenmanagement, also die Koordination und Kommunikation von Organisationen, theoretisch beschreiben und analysieren lässt. Da Organisationen (wenn man sich auf die Systemtheorie Luhmanns bezieht) soziale Systeme sind, die sich innerhalb von Funktionssystemen und Gesellschaft ausdifferenzieren, hat man es hier mit dem Fall der Subsystemdifferenzierung zu tun. Es geht, um es mit den Worten Dirk Baeckers zu formulieren, um das „Problem der operationalen Geschlossenheiten in operationalen Geschlossenheiten“.1

Der „Klassiker“: Strukturelle Kopplung

Strukturelle Kopplungen bezeichnen „die wechselseitige Abhängigkeit von System und Umwelt, die ein Beobachter sehen kann, wenn der die Unterscheidung von System und Umwelt zugrundelegt“.2 Sie können als Einrichtungen gesehen werden, die dauerhaft gekoppelten Systeme zur Selbstirritation zu verhelfen. Diese dauerhafte reziproke Selbstirritation führt zu einem structural drift und koordinierter Strukturentwicklung der gekoppelten Systeme.3 Die strukturellen Kopplungen sind, da Gleichzeitigkeit der Operationen (Autopoiesis) der gekoppelten Systeme im Spiel ist, keine kausalen Verknüpfungen von System und Umwelt – denn Kausalitäten minimieren den Bereich der Gleichzeitigkeit oder lösen ihn sogar ganz auf.

Strukturelle Kopplung löst das Problem, dass selbstreferentielle (autopoietische) Systeme nicht in ihrer Umwelt, also auch nicht innerhalb anderer Systeme operieren können, dennoch aber scheinbar aufeinander abgestimmte Entwicklungen zu beobachten sind. Nach Luhmann sind diese aber nicht Ergebnis von Durchgriffskausalitäten, wozu die Systeme außerhalb ihres die System-Umwelt Grenze konstituierenden Codes operieren müssten, was sie (nach Luhmann) nicht können. Strukturelle Kopplung zwischen Systemen und ihrer Umwelt besteht dann, wenn das jeweilige System Erwartungsstrukturen aufbaut, die es für bestimmte Irritationen sensibler macht. (Quelle: Wikipedia)

Die Alternative: Baeckers neuer Kommunikationsbegriff

Jetzt wird es auch für mich etwas schwierig, denn ich bin selbst gerade dabei, mich einzuarbeiten und die Unterschiede bzw. „Herangehensweisen“ einerseites mit dem Theoriestück der strukturellen Kopplung und andererseits Dirk Baeckers Vorschlag herauszufinden. Um diesen Unterschied besser zu beleuchten, zitiere ich an dieser Stelle noch mal Dirk Baeckers Email aus der Luhmann-Mailing-Liste:

(…) habe ich den Eindruck, dass formtheoretische Analysen über systemtheoretische dort hinausführen, wo diese mit dem Problem der operationalen Geschlossenheiten in operationalen Geschlossenheiten, also der Subsystemdifferenzierung autopoietischer Systeme (das gilt vor allem für die Funktionssysteme der Gesellschaft, also für Luhmanns prominentesten Fall) zu kämpfen haben.

Ferner merkt er an, dass Heinz von Foerster und Humberto Maturana ein Buch über die Autopoiesis der Autopoiesis, also der Subsystemdifferenzierung, schreiben wollten, dies aber nie getan haben, weil es vermutlich sehr schwierig war/ist, mit dem Theoriestück der strukturellen Kopplung dies zu erklären. Im Zuge der „Computergesellschaft“ spricht laut Baecker vieles dafür, die systemtheoretischen Überlegungen mit netzwerktheoretischen Ideen zu Verknüpfen und zu einer Formtheorie der Kommunikation auszuarbeiten. Folgt man diesen Überlegungen, wäre die Gesellschaft das einzige soziale, autopoietische, operativ geschlossene System, „und alle anderen bisher so diskutieren Fälle als Formen innerhalb dieses Falles zu betrachten“. Es ist aber nicht unmöglich, diese Analysen auch streng nach Luhmanns Ideen durchzuführen:

Der Formbegriff der Kommunikation zielt auf eine Irritierbarkeit anschlussfähiger kommunikativer Operationen, die man natürlich auch mit dem Luhmannschen Instrumentarium (operationale Geschlossenheit und strukturelle Kopplung) behandeln kann, aber leichter, so will mir scheinen, mit dem Formbegriff.

Fazit

Für mich stellt sich jetzt die Frage, welche Möglichkeiten sich mit dem Begriff der strukturellen Kopplung ergeben. Dazu ist auch das Themenheft der Zeitschrift Soziale Systeme über strukturelle Kopplung interessant. Zum anderen bin ich gerade dabei, das Buch Identity and Control von Harrison C White zu lesen, in dem White eine Netzwerktheorie ausarbeitet. Auf diese bezieht sich Dirk Baecker unter anderem, und verknüpft diese mit System- und Formtheorie (Laws of Form).

Mal sehen, welche Vorgehensweise für mich brauchbar(er) ist, oder ob es sogar noch andere Möglichkeiten gibt?

 

1 Beitrag aus der Luhmann-Mailing-Liste, 2006.

2 Luhmann N (1986) Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Westdeutscher Verlag, Opladen: 267

3 Lieckweg T (2001) Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation. Soziale Systeme 7, Heft 2: 268f