Ich greife hier noch mal meinen Beitrag über strukturelle Kopplung auf, und zwar die Idee, die Baecker in seinem Buch Form und Formen der Kommunikation ausgearbeitet hat: Die Ordnung der Gesellschaft beginnt sich von funktionaler Differenzierung auf heterarche Netzwerke umzustellen, d.h. Elemente der Gesellschaft sind netzwerkartig miteinander verknüpft.

Ganz offensichtlich wird in Baeckers (neueren) Arbeiten die – im Vergleich zu Luhmann – noch radikalere Umstellung auf bzw. Verknüpfung mit der Formtheorie Spencer-Browns vorgenommen. Es geht also nicht nur um bestimme Unterscheidungen, sondern – der re-entry der Form deutet es an – um Operativität und Selbstreferenzialität der Elemente eines Netzwerkes. Selbstreferenzialität bedeutet hier also, dass etwas nicht als gegeben (Wesen, Ontologie) aufgefasst werden kann, sondern erst durch die Operation hergestellt wird: und zwar kommunikativ hergestellt wird! Es geht um die kommunikative Bezeichnung (Eröffnung eines Spielraumes) im Raum einer Unterscheidung, die den Bereich der möglichen Bezeichnungen konditioniert (bei Baecker ist dies die Form von Kommunikation: Freiheitsgerade auf der Innenseite der Form, Konditionierung auf der Außenseite).

Die Art und Weise, wie die Elemente eines Netzwerkes aufeinander Bezug nehmen, wie Spielräume eröffnet und wieder konditioniert (also eingeschränkt) werden, ist das Verhältnis von Identität und Kontrolle – und damit schließt Baecker an Whites Netzwerktheorie aus dem Buch „Identity and Control“ an, und verbindet diese mit System- und Formtheorie zu seiner Kommunikationstheorie.

Auch die Kybernetik spricht davon, dass man in einer hyperkomplexen Gesellschaft nicht mehr verstehen kann (weil die zu „verstehenden“ Phänomene zu komplex für einen Beobachter sind), sondern nur noch kontrollieren, um mit der Komplexität zurande zu kommen. Kontrolle heißt hier nicht, zu herrschen, wo man nicht mehr versteht, sondern wird im angelsächsischen Sinn (siehe White) von control gebraucht und heißt, „im Umgang mit den Überraschungen eines komplexen Phänomens die eigenen Erwartungen zu korrigieren, die eigenen Erinnerungen aufzufrischen und so eher zu lernen als zu beharren“1 (S.109).

Identität wiederum, und dieser Begriff ist nicht ganz leicht zu verstehen, bezeichnet hier nicht etwas bestimmtes, sondern im Gegenteil: weitet den Raum der Unsicherheiten aus. Bezogen auf Netzwerke, die Kontrollversuche vor dem Hintergrund unsicherer Identitäten sind, heißt dies folgendes:

Netzwerke (…) erlauben den Entwurf, die Erprobung und die Kontrolle von Identitäten aller Art durch den Bezug auf passende Netzwerkelemente gleicher und anderer Art.2 (S.226)

Netzwerke verknüpfen Identitätsentwürfe verschiedenster Art (Personen, Organisationen, Ideologien, Geschichten) zu einem Versuch wechselseitiger Kontrolle. Kontrolle hier, wie gesagt, nicht im Sinne von „Beherrschung“, sondern Erwartungskorrekturen und Anschlussfähikeit – Anschlussfähigkeit, weil der notwendigen Korrektur von Erwartungen eine Überraschung vorausging, die neue Unsicherheiten erwarten lässt. Somit wird das Spiel, das Netzwerke konstruiert, „autopoietisch“.

Soweit die (abstrakte) Theorie. Woran ich jetzt arbeite, ist der Transfer auf Schnittstellenmanagement und Organisationen…

 

1 Baecker D (2007) Die nächste Universität. In ders. Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt/Main, Suhrkamp: 98-115

2 Baecker D (2005) Form und Formen der Kommunikation. Frankfurf/Main, Suhrkamp