Gestern war ich wieder am ISS bei einem Vortrag von Peter Fuchs zum Thema „Moderne Lyrik“. In diesem Beitrag möchte ich versuchen, den Vortrag kurz zusammenzufassen. Zentrale Fragen waren, wie (und meinetwegen auch: wann) es zur Entstehung moderner Lyrik kam und was diese auszeichnet.

Die These ist die, dass moderne Lyrik mit der Umstellung von stratifikatorischer zu funktional differenzierter Gesellschaft entsteht. Mit dieser Umstellung der Gesellschaftsordnung geht ein Verlust eines universellen Direktivenkosmos einher, d.h. das, was man ist (Identität), wird nicht mehr durch Zugehörigkeit zu einer Schicht bestimmt. Mit der funktional differenzierten Gesellschaftsordnung wird die Welt polykontextural und die Beschreibung der Welt beobachterabhängig. Das Problem wird von nun an sein, seine Individualität und Einzigartigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Bezogen auf Lyrik, eine bestimmte Form der Kommunikation, bedeutet dies, dass von Fremdferenz auf Selbstreferenz umgestellt werden muss, um Einzigartigkeit irgendwie noch zu markieren.

Kommunikation in der Luhmannschen Form bedeutet, dass eine Information (das Was, also Thema und somit Fremdreferenz in der Kommunikation) von der Mitteilung (das Wie und damit Selbstreferenz der Kommunikation) unterschieden wird. Die bisherige Lyrik konnte auf Information (Fremdreferenz) setzen, einfach mitteilen, was es mitzuteilen gab, und sich dadurch als individuell und einzigartig auszeichnen. Seit Einführung des Buchdrucks und der Umstellung auf funktional differenzierte Gesellschaft scheinen erstens die „alten“ Formen der Lyrik so verbreitet zu sein, dass Muster sich wiederholen und Einzigartigkeit schwierig zu markieren ist, und dies zweitens auch deswegen, weil Individualität auf das Problem der Einzigartigkeitsparadoxie hinausläuft. Somit bleibt der modernen Lyrik nur noch die Möglichkeit, auf Selbstreferenz zu setzen und Fremdreferenz in der Kommunikation (also den Texten) zu minimieren, und das heißt: mit Sprache in der Art „spielen“, dass mit Hilfe des „Schreibstils“, den Einsatz von Metaphern usw. usf. das Besondere erkennbar wird.

Ein Rest an Fremdreferenz muss jedoch erhalten bleiben, weil man sonst nicht mehr weiß, worum es überhaupt in Texten geht – obwohl auch das möglich ist