Kulturformen im Web 2.0

Kommunikativer Überfluss?, fragt Steffen Büffel, und passend dazu lese ich heute morgen im Zug in der Revue für Postheroisches Management (Ausgabe 1) einen Beitrag von Dirk Baecker zum Thema Epochen der Organisation. Passend insofern, weil Baecker hier die von Luhmann skizzierten Epochen der Gesellschaft nachzeichnet, die sich anhand der Einführung bestimmter Verbreitungsmedien (Schrift, Buchdruck, Computer) unterscheiden lassen, und auf diese „Katastophen“, diesen Sinnüberschuss, mit der Entwicklung bestimmter Kulturformen reagieren, um den Sinnüberschuss durch die Verbreitungsmedien zu selegieren, also nur selektiv aufzunehmen und somit „verarbeitbar“ zu machen.

Auf die Einführung der Schrift wird mit Zwecken, Zielen und Vernunft (im Sinne Aristoteles) reagiert. Durch den Buchdruck und der massenhaften Reproduktion von Kommunikation, aber auch durch den dadurch ermöglichten Vergleich (und damit eben auch: Kritik) kam es zur Widersprüchlichkeit, Auswechselbarkeit und Bezweifelbarkeit allen Denkens. Um diese Unordnung zu beherrschen, wurde die Kulturform der unruhigen Selbstreferenz entwickelt, die Identitäten trotz kaum noch etwas anderes gleich bleibendem stabilisiert (cogito ergo sum, Descartes).

In der nächsten Gesellschaft, deren Katastrophe in der Einführung des Computers liegt, geht es nicht mehr um Kommunikation mit Abwesenden (Schrift) oder dem immer mitlaufenden Zwang zum Vergleich (Buchdruck), sondern einer neuen Instanz, die an die Kommunikation strukturell gekoppelt ist, wie man es bisher nur vom Bewusstsein kannte: der Computer.

Der Computer bildet eine Intransparenzstelle in der Kommunikation, die nur durch die Kulturform der Zwei-Seiten-Form (Spencer Brown, zur Verwendung bei Baecker siehe unterer Teil dieses Beitrags) akzeptiert werden kann. Der Überschusssinn der Computergesellschaft wird durch die Kulturform der Form selektiv verarbeitet.

Es geht immer um aktuelle, ja akute Anschlüsse der Kommunikation, wobei die ausgeschlossenen Möglichkeiten in der Form (hier: sowohl verstanden als „Art und Weise“ aber auch Form im Sinne der Formtheorie) mit eingeschlossen werden, dass sie als unbestimmt, aber mitbeobachtet mitlaufen und bei Bedarf als Kontext bestimmbar werden und mögliche „Spurwechsel“ ermöglichen. Die Interaktion muss – nicht nur im Web 2.0 – mehr Sinnzumutungen bewältigen als je zuvor.

Möglich ist dies nur, so vermutet Luhmann, weil wir uns unter der Hand das Navigieren mithilfe von Zwei-Seiten-Formen im Sinne von Spencer-Brown angewöhnt haben.

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3 Kommentare zu „Kulturformen im Web 2.0

  1. Schöner Beitrag! Muss auch mal wieder Brown und Luhmann in der Richtung abklopfen. Was auch gut passen dürfte sind die Ausüfhrungen zur reflexiven Moderne von Beck, Giddens und Lash. Durch die „Transparentwerdung“ von kommunikativen Microeinheiten (Gedanken, Diskusfetzen etc.) und deren webbasierte Vernetzung entsteht ein unermesslich großer Pool an Reflexionsinformationen, die wiederum kontinuierlich zu Reflexionswissen über die Gesellschafft und ihre Struktur weiter verarbeitet werden kann.

  2. Zwei Anmerkungen: Baecker selbst bezieht sich insbesondere auf Gesellschaft der Gesellschaft von Luhmann, hier vor allem Seiten 405ff, 813ff und 826ff. Der Formbegriff selbst, wie Baecker ihn verwendet und hier auch meint, wäre der der Selektion aus einem unbestimmten, aber bestimmbaren Auswahlbereich (siehe dieser Beitrag).

    Zu deinem Kommentar möchte ich noch hinzufügen, dass ich leider nicht die Zeit habe, dies alles (Beck, Giddens, Lash) nachzulesen, weil ich mich auf mein Dissertationsthema konzentrieren muss – und hier bereits einiges zu Lesen ist. 😉 Aber da ich mich in meiner Diss ja auf Systemtheorie beziehe, fallen solche Dinge wie der hier besprochene Artikel „nebenbei“ an, sind also selbst – auf Theorie bezogen – sehr selektiv.

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