Das Arbeitsprinzip Luhmanns
Der elektronische Zettelkasten erhebt den Anspruch, die Arbeitsweise von Niklas Luhmann nachzuempfinden und somit eine Umsetzung des (hölzernen) Zettelkastenprinzips zu sein. Im Folgenden soll Luhmanns Arbeitsweise kurz vorgestellt werden. An verschiedenen Stellen wird erklärt, wie dieses Prinzip im (elektronischen) Zettelkasten umgesetzt wurde.

Als Einstiegslektüre empfiehlt sich Künstliche Intelligenz aus Holz. Weitere Links folgen unten.

Keine Kategorien
Luhmann hat sich bewusst gegen eine thematische Ordnung von Zetteln entschieden, da dies die interne Struktur des Zettelkastens zu sehr festlegt und wenig flexibel ist. Daher konnte bei Luhmann jeder Zettel an beliebiger Stelle einsortiert werden. Zettel werden dann über ein Schlagwortregister oder interne Verweise wieder auffindbar. Dafür ist es – zumindest für die Papierform – wichtig, dass jeder Zettel eine feststehende, sich niemals ändernde Zettelnummer erhält. Für einen physischen Zettelkasten mit Papier ist dies essentiell wichtig. Für die elektronische Variante kann dieser Aspekt vernachlässigt werden, da Querverweise durch das Zettelkastenprogramm automatisch aktualisiert und angepasst werden (Luhmann hätte jedesmal alle Zettel durchforsten und die Zettelnummern händisch korrigieren müssen).

Welchen Vorteil bietet nun der Verzicht auf Kategorien? Laut Luhmann [Quelle] sind folgende Punkte zentral für seine Arbeitsweise mit dem Zettelkasten:

Beliebige innere Verzweigungsfähigkeit

„Beliebige innere Verzweigungsfähigkeit. Man braucht zusätzliche Notizen nicht hintenanzufügen, sondern kann sie überall anschließen, auch an einzelne Worte mitten im laufenden Text. Ein Zettel mit der Nummer 57/12 kann dann im laufenden Text über 57/13 usw. weitergeführt werden, kann aber zugleich von einem bestimmten Wort oder Gedanken aus mit 57/12a ergänzt werden, fortlaufend über 57/12b usw.; wobei intern dann wieder 57/12al usw. angeschlossen werden kann. (…) Der Nachteil ist: daß der ursprünglich laufende Text oft durch Hunderte von Zwischenzetteln unterbrochen ist; aber wenn man die Numerierung systematisch handhabt, läßt sich der ursprüngliche Textzusammenhang leicht wiederfinden.“

Diese Funktion kann im elektronischen Zettelkasten über die Registerkarte Folgezettel abgebildet werden. Im Prinzip war Luhmanns Zettelkasten ein großes Arrangement an Folgezetteln (dank Technik ist man in diesem Fall nicht mehr auf die festen Stellplatznummern angewiesen, siehe auch hier, Aufzählungspunkt Identification) und Querverweisen (siehe unten). Ebenso lassen sich einzelne Wörter aus einem Zetteltext „verlinken“ und können auf andere Zettel verweisen.

Verweisungsmöglichkeiten

„Verweisungsmöglichkeiten. Da alle Zettel feste Nummern haben, kann man auf Zetteln Verweisungen in beliebiger Zahl anbringen. Zentralbegriffe können mit einem Haufen von Verweisungen belegt sein, die angeben, in welchen anderen Zusammenhängen etwas zu ihnen Gehöriges festgehalten ist. Durch Verweisungen kann, ohne allzuviel Arbeits- und Papieraufwand, das Problem des „multiple storage“ gelöst werden. Bei dieser Technik ist es weniger wichtig, wo eine neue Notiz eingeordnet wird. Wenn sich mehrere Möglichkeiten bieten, kann man das Problem nach Belieben lösen und den Zusammenhang durch Verweisungen festhalten.“

Dies wird durch die Registerkarte Verweise abgebildet. Manuelle Querverweise, ergänzt bei Bedarf durch die automatisch erstellten Verweise, bauen so das „Zettelnetzwerk“ auf. Ergänzend kann die Registerkarte Schlagwortcluster/-relationen hinzugezogen werden, um bspw. Relationen zwischen Schlagwörtern herzustellen und die entsprechenden Zettel zu finden. Diese können dann wiederum als „Startpunkt“ für die interne Verzweigung und Suche genutzt werden.

Register

„Register. Mangels einer systematischen Stellordnung muß man den Prozeß des Wiederfindens von Eintragungen regeln, denn man kann sich hier nicht auf sein Nummern-Gedächtnis“

Dies wird ganz allgemein durch die Registerkarten abgebildet.

Fazit Arbeitsweise

„Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann. … Die Gesamtheit der Notizen läßt sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger interner Struktur. … Es ist mit dieser Technik gewährleistet, daß die Ordnung, sie ist ja nur formal, nicht zur Fessel wird, sondern sich der Gedankenentwicklung anpaßt. … Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält. … Der Zettelkasten gibt aus gegebenen Anlässen kombinatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzipiert worden waren.“

Fazit Zettelkasten-Programm(e)
Es gibt viele Ansätze, das Zettelkasten-Prinzip elektronisch umzusetzen, bspw. in Form von Blogs oder Wikis, Wiki-ähnliche Programme etc. Bei einigen Programmen wird kritisiert, dass die ausschließliche Verlinkung über Tags und Schlagwörter eben nicht das Luhmann-Prinzip abbilden. Diese Kritik wurde auch am Zettelkasten geübt, allerdings liegen 6 Jahre Entwicklung zwischen diesem Posting und heute – die Kritik dürfte wohl nicht mehr greifen.

Dennoch halte ich die automatische Verknüpfung von Zetteln via identischer Schlagwörter als durchaus sinnvolle Ergänzung zu manuellen Querverweisen und Folgezetteln. Die Frage ist, ob Luhmann nicht zuletzt aus pragmatischen Gründen auf diese Möglichkeit verzichten musste, nicht, weil er sie nicht nutzen wollte.

Auch wenn es viele Alternativen zum Zettelkasten gibt, wovon einige vielleicht zudem „technisch ausgereifter“ sein mögen als mein Programm (in Bezug auf programmiertechnische Professionalität), so gibt es dennoch genug Gründe, die Entwicklung des Zettelkastens fortzuführen. Diese liegen vor allem in vielen kleinen Details (Schlagwortvorschläge, Filtern von Listen/Registerkarten/Suchergebnissen, reguläre Ausdrücke an diversen Stellen, Synonymfunktion…) als auch „größeren“ Features (wie bspw. die Schreibtischfunktion) – nicht zu vergessen die geplanten Funktionen, an denen ich grade arbeite…

Wenn man sich die Technik zu nutze macht, dann sollte nicht nur die „formale“ Umsetzung des Zettelkastenprinzips erfolgen, sondern auch Bedienkomfort und nützliche oder wichtige Extras implementiert werden, um die Arbeit mit dem Programm zu erleichtern und effizienter zu gestalten.

Frage an die Leser, aus eigenem Interesse und aus mangelndem Überblick über die verfügbare Software: Welche Programme leisten das in welcher Form?

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