eine systemtheoretisch-qualitative Analyse von Kooperationsnetzwerken unter den Bedingungen polykontexturaler Verhältnisse

Das ist das Thema meines Beitrags zum frisch bewilligten DFG-Netzwerkantrag Organizational Behaviour in health care institutions in Germany – theoretical approaches, methods and empirical results im Rahmen der DGMS-AG-Versorgungsforschung.

Einleitung: Im Kontext der vernetzten Versorgung wird von den Beteiligten (Krankenhäuser, Pflegedienste, Ärzte etc.) eine optimale Koordination und Kooperation in der Überleitung und der anschließenden Weiterversorgung von chronisch Erkrankten und Pflegebedürftigen gefordert. Allein wegen der immer kürzer werden Liegezeiten von Patienten ist eine netzwerkförmige Kooperation notwendig, um Zuständigkeiten der Versorgung immer wieder neu auszuhandeln und zuzuweisen (Saake und Vogd 2008; W. Vogd 2009a).
Für die vernetzten Organisationen heißt das, dass Schnittstellen nicht mehr als Einrichtungen zur automatischen Sicherstellung von Kooperation gesehen werden können, sondern mit Bezug auf aktuelle soziologische System- und Netzwerktheorien als rationalitäts- und transparenzpessimistisch aufgefasst werden müssen (Luhmann 2000; Baecker 2007; Baecker 2011; Blaschke u. a. 2012).

Fragestellung Wie agieren Organisationen im Kooperationsnetzwerk unter Berücksichtigung von Eigeninteressen und unerwartetem Verhalten der beteiligten Akteure?

Theoretischer Rahmen Organisationen sind komplexe Systeme, in denen weniger rationale Entscheidungen und Handlungen, sondern eher ihr Gegenteil anzutreffen ist (Besl 2011). Angesichts verschiedenster (Umwelt-)Anforderungen agieren sie nach einer Logik, die für außen stehende Beobachter häufig irrational und unlogisch erscheint (Brunsson 1985). Um den „Prozess des Organisierens“ (Weick 1998) zu verstehen, soll unter Rückgriff auf die Organisations- und Systemtheorie Luhmanns (Luhmann 1984; Luhmann 2000) versucht werden, die unterschiedlichen Handlungslogiken in Organisationen zu rekonstruieren.

Methode Es wurden 17 Experten aus verschiedenen Krankenhäusern der Akut- und Allgemeinversorgung in Form qualitativer, leitfadengestützter Interviews befragt. Diese werden mit Hilfe der dokumentarischen Methode (Bohnsack 2007a) ausgewertet. Als rekonstruktives Verfahren liegt der Auswertungsschwerpunkt auf der Beschreibung des Prinzips der Selbstorganisation eines Untersuchungsgegenstandes aus der Eigenlogik des untersuchten Gegenstandes heraus (Bohnsack 2007b; Vogd 2009b). Im Fokus stehen weniger einzelne Akteure als vielmehr der Prozess des Organisierens selbst.

Zu erwartende Ergebnisse und Diskussion Es soll eine Typologie entwickelt werden, die Aufschluss über das Verhalten von Organisationen in Kooperationsnetzwerken gibt. Auszugehen ist von einer „professionellen Selbststeuerung“, die organisationales Verhalten nur schwer vorhersehbar macht und die Entscheidungslogiken nur unter Berücksichtigung polykontexturaler Verhältnisse (Günther 1979) verständlich werden lässt. Organisationen sind immer wieder auf netzwerkförmige Aushandlungsprozesse zur Herstellung von Stabilität angewiesen.