Ich bin immer noch dabei, den Nutzerbegriff und den Begriff der Nutzerorientierung näher zu bestimmen, und zwar abseits einer „Aufzähllogik“. Das heißt, ich versuche beispielsweise Nutzerorientierung nicht in der Art zu untersuchen, indem ich eine Anzahl von Kriterien (standardisiert) abfrage, die mir dann einen Punktewert auf einer Skala von wenig bis viel Nutzerorientierung liefern, sondern eher in Richtung „Einbettung des Nutzer(orientierungs)begriffs in systemtheoretisch passende Theoriestücke“. Ein Versuch war meine Ausführung zum Thema Die Form Person.

Nun habe ich mein Anliegen in systemtheoretischen Fachforen unterbreitet, der Luhmann-Mailingliste. Und hier kam gleich eine sehr interessante Anregung als Antwort (das ganze ist noch sehr frisch, die Diskussion kann sich also möglicherweise noch sehr weiterentwickeln): Der Nutzer als symbiotischer Mechanismus.

Was besagt das Theoriestück des symbiotischen Mechanismus genau? Soziale Systeme unterhalten wegen Interpenetration einen laufenden Körperbezug. Hier spielt der symbiotische Mechanismus eine Rolle, der im Kontext von Absicherungs- und Kontrollproblemen gesehen werden kann, und nur im Krisenfall relevant wird. Das bedeutet: Der symbiotische Mechanismus bezeichnet die (ständig mit-)laufende Referenz auf Körper bzw. Körperkrisen. Der symbiotische Mechanismus ist somit ein Krisenmechanismus. Wann immer die Autopoiesis eines Systems bedroht ist, weil die Kommunikations nicht ausreichend motiviert ist, an der Positivseite des Codes anzuschließen1, tritt der symbiotische Mechanismus in den Dienst einer massiven Selektionsverstärkung.

Halten wir zwei Dinge fest: Körperbezug und Interpenetration sozialer Systeme. Im Kontext von Interpenetration spielt natürlich auch die strukturelle Kopplung eine Rolle. Und um den Bogen zu meinem Thema zu spannen: Es geht um Schnittstellenmanagent, also um die Vernetzung und Kooperation zwischen verschiedenen sozialen Systemen: Ein Kopplungssystem (Peter Fuchs2 nennt dies auch ein „Drittsystem“, das entsteht, wenn soziale Systeme zusammen „koordinieren“ und gekoppelt sind). Wenn also (vorsicht, hier wird es spekulativ, noch nicht abschließend zu Ende gedacht), wie oben beschrieben, soziale Systeme laufend Körperkontakt unterhalten (und im Falle des Drittsystems an der Schnittstelle der verschiedenen Organisationen könnte dieser Körper eben der „Nutzer“ sein) und es zur Krise kommt (also: Probleme in der Vernetzung und Kooperation), wird der symbiotische Mechanismus ausgelöst: Der Nutzer bzw. die Nutzerorientierung wird auf den Plan gerufen.

Bei der Prominenz der Begriffe Nutzer, Nutzerorientierung und Patientenorientierung könnte man meinen – vorausgesetzt, diese Überlegungen stimmen – es gebe laufend Krisen. Andererseits werden ja auch ständig Schnittstellenprobleme diskutiert und scheinen immer noch aktuell. Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion hierzu sowohl in der Mailingliste als auch hier im Blog entwickelt.

 

1 Zur Erklärung: Dies bezieht sich speziell auf Funktionssysteme wie Wirtschaft, Wissenschaft, Politik etc. Codes dienen hier als Leitunterscheidungen, anhand derer sich die Kommunikation orientiert und Anschlussfähigkeit „sucht“. Jeder Code besitzt zwei Seiten, wobei eine Kommunikation nur dann dem jeweiligen Funktionssystem zugeordnet wird, wenn sich das Thema der Kommunikation auf die postive Codeseite (also Wahrheit statt Unwahrheit, oder Recht statt Unrecht) bezieht. Wird in der Wissenschaft auf einmal etwas als unwahr bezeichnet, kommt der symbiotische Mechanismus ins Spiel: In diesem Fall wird das Experiment über Wahrnehmung (=symbiotischer Mechanismus des Wissenschaftsystems) auf den Wahrheitsgehalt geprüft. Anderes Beispiel: Wenn in der Wirtschaft (Code: Zahlung/Nichtzahlung) nicht zur Zahlung motiviert werden kann, werden körperliche Bedürfnisse eines Produktes suggeriert (z.B. Werbung) – man muss es haben und besser doch zahlen.

2 Fuchs P (1999) Intervention und Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M