Ein Genie

Heute habe ich im Zug einen
genialen Jungen
kennengelernt.
Er war ungefähr 6 Jahre alt,
saß direkt neben mir,
und als der Zug an der Küste
entlangfuhr
sah man das Meer
und wir schauten beide aus dem
Fenster
und sahen das Meer an
und dann drehte er sich
zu mir um und sagte,
«Das ist nicht schön.»
Da ging mir das zum
ersten Mal
auf.

(aus: Bukowski, Charles (2001): Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang. 12. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag)

Ein gutes, neues Jahr wünsche ich allen Leserinnen undLesern meines Blogs!

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Moderne Lyrik

Gestern war ich wieder am ISS bei einem Vortrag von Peter Fuchs zum Thema „Moderne Lyrik“. In diesem Beitrag möchte ich versuchen, den Vortrag kurz zusammenzufassen. Zentrale Fragen waren, wie (und meinetwegen auch: wann) es zur Entstehung moderner Lyrik kam und was diese auszeichnet.

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Picasso und Spencer Brown

Anfang des Jahres war ich in Wien im Urlaub und unter anderem in der Picasso-Ausstellung Malen gegen die Zeit. Einige von Picassos Bildern zeigten Körper mit ungewöhnlichen Proportionen, riesige Hände und Füße, große Augen usw., wie man links auf dem Bild Badender sehen kann.

Zu einigen dieser Bilder gab es Aussagen von Picasso, die über den Hintergrund aufklärten, warum er so malte. Ich kann das jetzt nicht wortwörtlich wiedergeben, aber sinngemäß hieß es zu dieser Bilderserie, dass jedes Detail gleichberechtigt sei. Schaut man auf die Füße, sieht man nur diese, der Rest des (in diesem Beispiel) Körpers tritt zurück und wird nicht wahrgenommen, gerät sozusagen aus dem Blickfeld. Gleiches gilt, wenn der Maler die Hände malt und nur diese im Blick hat. Daher müssen alle Details im Bild gleichberechtigt hervortreten.

Als ich das las, fiel mir sofort George Spencer Brown ein. Und mir fiel auf, dass die Kunst immer schon alles wusste, was die Wissenschaft irgendwann herausfindet.

Soziale Ordnung und Individualität

Individualität unterliegt dem Einzigartigkeitsparadox, es ist also nicht möglich, sich individuell, also einzigartig zu verhalten, ohne auf allgemein vorgelieferte, verständliche Symbole zurückzugreifen. Die Zumutung der modernen Gesellschaft liegt jedoch darin, sich individuell zu verhalten, vielleicht könnte man hier auch sagen: seine eigene Biografie zu konstruieren. Wenn es keine individuellen Instrumente gibt, seine Individualität zu beschreiben, bleiben nur noch Erzählungen, um Individualität zu markieren, oder eben der Kontingenzrahmen, mit dem eine Person ausgestattet wird, wenn die Zumutung zu abweichendem, individuellen Verhalten in die Zukunft projiziert wird. Wie aber lässt sich unter den modernen Bedingungen der Individualität, also milliardenfachem „Einzelverhalten“, soziale Ordnung erklären?

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